Dr. Thilo Habel ist Kustos der Universität, © Anne Junia Ziemann/UG
Auf Spurensuche in der Universitätsgeschichte
Kisten voller Zeichnungen, historische Instrumente, Gemälde und ein kleines Glas mit der Aufschrift „Holzkohle aus Pompeji“: Wer die Kustodie der Universität Greifswald besucht, merkt schnell, dass hier weit mehr passiert als das Aufbewahren alter Gegenstände.
Beim Dackelbesuch treffen wir Dr. Thilo Habel, den Kustos der Universität. Die Kustodie sammelt materielle Zeugnisse der Universitätsgeschichte – von Professorenporträts über wissenschaftliche Instrumente bis hin zu Künstlernachlässen. Während das Universitätsarchiv Akten und Schriftgut bewahrt, kümmert sich die Kustodie um die Dinge, die Geschichte greifbar machen.
Geschichte wie ein Puzzle zusammensetzen
Was ihn an seinem Beruf begeistert? Die Antwort kommt sofort: „Das Recherchieren, das Knobeln, das Rätselraten.“ Oft beginne alles mit einem Objekt und nur wenigen Informationen. Nach und nach würden sich Literatur, Quellen und neue Hinweise zu einem größeren Bild zusammenfügen. „Wenn sich dieses Geschichtsmosaik zusammensetzt, dann sind das natürlich schon so kleine Höhepunkte.“
Genau diese Spurensuche prägt seinen Arbeitsalltag. Immer wieder landen Nachlässe, Kunstwerke oder historische Gegenstände mit Universitätsbezug in der Kustodie. Manche erzählen ihre Geschichte sofort, andere geben ihre Geheimnisse erst nach längerer Recherche preis. „Ich nehme es, wie es kommt“, sagt Dr. Habel. „Es wird sicherlich noch unvorstellbare Schätze hier tatsächlich geben, die einfach noch niemand beachtet hat.“
16.000 Objekte und eine digitale Zukunft
Mittlerweile betreut die Kustodie zwischen 16.000 und 18.000 Objekte. Jedes einzelne wird dokumentiert, digital erfasst und mit Informationen zu Herkunft, Zustand und Nutzung versehen. Dabei spielt die Digitalisierung eine immer größere Rolle. Was früher in Papierordnern und Karteikästen lag, wird heute Schritt für Schritt in Datenbanken übertragen und miteinander verknüpft.
Besonders angetan hat es ihm ein Messinginstrument aus dem 19. Jahrhundert: der sogenannte Dicatopter von Friedrich von Hagenow. Kurz nach seinem Arbeitsbeginn 2017 entdeckte er das Gerät in Einzelteilen im Depot. Heute zählt es zu seinen Lieblingsobjekten. Mit dieser speziellen Spiegeloptik konnte der Greifswalder Universalgelehrte Hagenow winzige Fossilien vergrößert betrachten und direkt auf Papier nachzeichnen. „Eigentlich eine ganz einfache Geschichte“, sagt Dr. Habel, „aber für einen Mikropaläontologen, der die Fotografie noch nicht nutzen konnte, sehr hilfreich.“ Das Instrument erzählt für ihn nicht nur etwas über Wissenschaft, sondern auch darüber, wie Forschung sichtbar gemacht wurde.
Überhaupt interessieren ihn besonders Objekte, die Wissenschaftsgeschichte anschaulich machen. Das passt zu seinem eigenen Werdegang: Kunstgeschichte, europäische Ethnologie und Biologie studierte er parallel. „Es gibt viele Überschneidungen“, sagt er. Gerade die Verbindung von wissenschaftlichen Inhalten und ihrer bildlichen Darstellung habe ihn schon früh fasziniert.
Das Rätsel um die Holzkohle aus Pompeji
Überraschungen gehören ebenfalls zum Alltag. In den Beständen findet sich etwa ein kleines Glas mit der Aufschrift „Holzkohle aus Pompeji“. Ob die Holzkohle tatsächlich aus den Ascheschichten der antiken Stadt stammt oder vielleicht doch ein historisches Souvenir ist, weiß bislang niemand genau. Solche Fragen machen für Thilo Habel den Reiz seiner Arbeit aus: Hinter vielen Objekten steckt noch eine Geschichte, die erst entdeckt werden muss.
Dabei geht es nicht nur ums Sammeln. Entscheidend ist für ihn, was die Objekte über die Universität erzählen. Die Kustodie bewahrt deshalb keine beliebige Kunstsammlung, sondern Zeugnisse von Menschen, Forschung und Lehre in Greifswald. Oder wie Dr. Habel es beschreibt: „Wir sammeln immer im Hinblick auf die Relevanz, Belege für die Geschichte der Lehre hier an der Universität und Belege zu den Persönlichkeiten, die hier gewirkt haben.“
Und wo befindet sich sein Lieblingsort auf dem Campus? Die Antwort überrascht nicht: im Depot. Zwischen Regalen voller Gemälde, Instrumente und Nachlässe verbringt er viel Zeit. Hier lagern die materiellen Spuren von mehr als fünf Jahrhunderten Universitätsgeschichte – und wahrscheinlich auch noch einige Rätsel, die darauf warten, gelöst zu werden.
„Dackelbesuch bei …“, ist ein Format der internen Kommunikation der Universität Greifswald. Es gibt Einblicke in Menschen, Projekte und Tätigkeiten an der Universität und soll die interne Vernetzung stärken. Wenn Sie selbst Interesse haben oder jemanden vorschlagen möchten, können Sie sich bei der Hochschulkommunikation melden.
Text und Bilder: Anne Junia Ziemann, 02.07.2026
