Forschung

Was klebt, zählt: Was Sticker über Greifswald erzählen

Mehrere Sticker kleben auf einem Laternenmast. Im Hintergrund ist ein Backsteingebäude.

Sticker am Campus Loefflerstraße, © Louisa Behrens/UG

Sticker prägen unser Stadtbild. Ob an der Laterne vor der Mensa oder am Fahrradständer am Hafen – sie kleben überall im öffentlichen Raum und werden doch oft übersehen. Dabei zeigen diese kleinen, unscheinbaren Texte, was Menschen bewegt und wie sie diese Orte nutzen, um Position zu beziehen. Welche Themen in Greifswald besonders beliebt sind, zeigt eine Analyse der Greifswalder Stickerlandschaft – durchgeführt von zwei finnischen Linguistinnen.

Ein schneller Blick nach links und rechts, dann klebt der Sticker. Für viele Privatpersonen und aktivistische Gruppen ist der öffentliche Raum eine Kommunikationsfläche: Stromkästen und Straßenschilder werden zu Trägern politischer Botschaften. Diese „Bottom-up-Sticker“ enthalten häufig Stellungnahmen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen und spiegeln in ihrer Themenwahl und Sprachverwendung die lokale Umgebung wider. In der Sprachwissenschaft werden solche Phänomene im Rahmen der Linguistic-Landscape-Forschung untersucht. Darunter versteht man die Untersuchung der Gesamtheit sichtbarer Sprachen und ihrer Verwendung im öffentlichen Raum.

Greifswald unter der Stickerlupe

Wie sich solche sprachlichen Spuren konkret im Stadtbild zeigen, untersucht eine die Studie der finnischen Germanistinnen Sanni Linnasaari und Leena Kolehmainen zu transgressiven Stickern in Greifswald und Turku. Grundlage sind über 800 Sticker, die hinsichtlich ihrer Themen und Sprachen analysiert wurden, um herauszufinden, welche gesellschaftlichen Diskurse im Stadtbild sichtbar werden und wie Sprache dabei eingesetzt wird.

Sanni Linnasaari war im Sommersemester 2022 als Erasmuspraktikantin am Lehrstuhl für Fennistik in Greifswald tätig, wo sie Finnisch unterrichtete. Auf einem Spaziergang fielen ihr die Sticker in der Stadt auf: „Erst habe ich mir nicht viel dabei gedacht und sie zum Spaß fotografiert, aber dann ist mir eingefallen, dass ich noch ein Thema für meine Masterarbeit brauche. Hier gibt es richtig viele Sticker und ich bin gerade hier und kann authentisches Material dafür sammeln“, so Linnasaari.

Kleine Aufkleber, große Botschaften

Sticker werden vor allem von jungen Menschen als Ausdrucksmittel genutzt. Sie dienen der Darstellung sozialer Identitäten, von Gruppenzugehörigkeiten sowie klarer politischer und ideologischer Positionen. „Sticker haben eine Art Grass-Root-Niveau, mit dem man sich aktivistisch und politisch engagieren und die eigene Meinung ausdrücken kann, weil sie unzensiert sind“, sagt Sanni Linnasaari.

Charakteristisch für Stickerkommunikation ist zudem ihre Dialogizität: Sticker werden überklebt, beschädigt oder gezielt verändert. Besonders im politischen oder sportlichen Kontext entstehen so regelrechte „Stickerkriege“, in denen unterschiedliche Positionen um Sichtbarkeit konkurrieren. Stickerlandschaften liefern also wertvolle Einblicke in lokale gesellschaftliche Aushandlungsprozesse.

Gesellschaftspolitik dominiert die Stickerlandschaft

In Greifswald zeigt die Stickeranalyse ein deutliches Profil. Auffällig ist die Dominanz gesellschaftspolitischer Themen, insbesondere aus dem Bereich Antifaschismus. Antifaschistische Sticker überwiegen deutlich und treten häufig in direktem Dialog mit gegnerischen Stickern auf. Auch Klimaschutz, Solidarität und politische Gegenbewegungen spielen eine wichtige Rolle. „In einer Universitätsstadt wie Greifswald, wo es viele junge Leute gibt, ist richtig gut zu sehen, was für eine Haltung diese gegenüber der Welt haben“, fasst Linnasaari zusammen.

Aufschlussreich ist auch die Sprachwahl. Deutsch fungiert als Sprache der Inhalte: politische Aussagen, Forderungen oder Erklärungen werden überwiegend auf Deutsch formuliert und richten sich an ein lokales Publikum. Englisch hingegen erscheint meist in knappen, bekannten Schlagworten oder Slogans und dient der Aufmerksamkeit und der Verortung im globalen Aktivismus.

Ein Sticker mit dem Spruch "Kein Mensch ist illegal" klebt auf einem Fahrradständer. Im Hintergrund ist eine spiegelnde Glasscheibe
Am Campus wird Stellung bezogen.

Hinsehen statt Vorbeigehen

Sticker sind vergänglich. Und doch hinterlassen sie ein dichtes Netz an Bedeutungen. Es lohnt sich, beim nächsten Gang zur Mensa genauer hinzusehen. Oft erzählt ein unscheinbarer Aufkleber mehr über die Stadt, als man auf den ersten Blick vermutet.

Weitere Informationen

Der Aufsatz „Linguistic Landscapes im Ostseeraum. Transgressive Sticker in Greifswald und Turku” von Sanni Linnasaari und Leena Kohlemainen erschien im Sammelband: Pantermöller, M., Järventausta, M., Kolehmainen, L., & Kujamäki, P. (Eds.) (2025). Kulturen, Konvergenzen und Kommunikation: Begegnungen zwischen Finnland und dem deutschsprachigen Raum. (Mémoires de la Societé Néophilologique de Helsinki; Vol. 114). Société Néophilologique, S. 361-394. DOI: https://doi.org/10.51814/5n8zh803.

Sanni Linnasaari ist Doktorandin im Fach Deutsch an der Universität Turku und war im Frühjahr 2022 im Rahmen eines Erasmuspraktikums am Lehrstuhl für Fennistik der Universität Greifswald tätig. Prof. Dr. Leena Kolehmainen ist Professorin für deutsche Sprache an der Universität Helsinki und Mitbegründerin des FI-DACH-Forschungsnetzwerks.

Text und Fotos: Louisa Behrens, 17.06.2026

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