Studium & Lehre

„Die Politische Theorie in der Rolle einer demokratischen Hilfsarbeiterin“

Das Foto zeigt einen Mann mit kurzen braunen Haaren, der freundlich in die Kamera lächelt. Er trägt ein blaues Jackett und im Hintergrund ist ein weißes, historisches Gebäude zu sehen.

Portrait Prof. Dr. Markus Patberg, © Tim Schröter/ UG

Warum beschäftigen uns politische Ideen aus der Antike noch heute? Wie entstehen neue politische Konzepte – und welche Rolle spielen digitale Plattformen für die Zukunft der Demokratie? Im Gespräch erklärt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Markus Patberg, warum ihn Fragen von Gerechtigkeit zur Politischen Theorie geführt haben, weshalb Begriffe wie „Oligarchie“ plötzlich wieder aktuell sind und was die Macht von großen Technologieunternehmen mit demokratischen Herausforderungen unserer Zeit zu tun hat.

Was hat Sie zur Politischen Theorie und Ideengeschichte geführt – ein konkreter Denker oder eine große Frage?

Weder das eine noch das andere. Ich habe angefangen, Politikwissenschaft zu studieren, weil ich fand, dass es an vielen Stellen der Gesellschaft ungerecht zugeht und mir zumindest klar war, dass Politik der Weg ist, über den man versuchen kann, etwas daran zu ändern. Mich hat also vor allem Politik interessiert. Was die Politikwissenschaft ausmacht, woran sie arbeitet und auf welche Weise, wusste ich damals nicht. Im Studium habe ich dann schnell festgestellt, dass die normativen Fragen, die mich beschäftigen, im Teilbereich der Politischen Theorie und Ideengeschichte bearbeitet werden.

Sie haben an verschiedenen Universitäten gelehrt und geforscht, unter anderem in London: Welche Impulse haben diese Stationen für Ihre heutige Arbeit gegeben?

Ich bin zweimal als Gastforscher in London gewesen, einmal während der Promotion am University College London, einmal in der Postdoc-Phase an der London School of Economics and Political Science. Aus meiner Zeit am UCL habe ich unter anderem mitgenommen, dass man sehr viel systematischer über die Methoden der Politischen Theorie – also zum Beispiel die Art und Weise, wie man normative Positionen entwickelt und begründet – nachdenken kann, als ich es bis dahin kannte. Am UCL war das ein fester Bestandteil des PhD-Programms. Es ist übrigens ein Alleinstellungsmerkmal des Greifswalder M.A. Politikwissenschaft, dass es ein Pflichtseminar „Methoden der Politischen Theorie“ gibt. Das unterrichte ich gerade zum ersten Mal, was mir großen Spaß bereitet.

Gibt es Parallelen zwischen heutigen politischen Diskussionen und denen früherer Jahrhunderte, die Sie besonders spannend finden?

Spannend finde ich zum Beispiel, wie der aus der Antike stammende Begriff „Oligarchie“ heute verwendet wird, um bestimmte Entwicklungen in demokratischen Gesellschaften zu beschreiben – auch in der politischen Alltagssprache. Bei Aristoteles war damit eine Staatsform gemeint, bei der Wenige – die Reichen – regieren. Seit einigen Jahren wird der Ausdruck „Oligarchie“ in der Politikwissenschaft verwendet, um übermäßigen, informellen Einfluss (super-)reicher Bürger*innen in politischen Ordnungen zu beschreiben, die formal betrachtet Demokratien sind. Ich selbst beschäftige mich zurzeit mit der Frage, ob das Konzept der „Tech-Oligarchie“ dem etwas Wichtiges hinzufügt, ob etwa die persönliche Kontrolle digitaler Plattformen durch Superreiche neue Machtformationen hervorbringt, die man in solchen Begriffen beschreiben sollte.

Werden heute eigentlich noch grundlegend neue politische Ideen entwickelt – oder variieren wir im Grunde nur Bekanntes?

Der Ausdruck „Tech-Oligarchie“ ist ein schönes Beispiel dafür, dass politische Theorie häufig darin besteht, neue Konzeptionen – spezifische Ausdeutungen – etablierter Begriffe zu entwickeln. Ich selbst habe in früheren Arbeiten den Begriff der verfassunggebenden Gewalt, der auf Emmanuel Sieyès und die Französische Revolution zurückgeht, herangezogen, um die Legitimität der Europäischen Union zu untersuchen. Letztlich habe ich eine Vorstellung verfassunggebender Gewalt in der EU entwickelt, also wiederum einen bekannten Begriff neu gedeutet. Es gibt aber auch Momente, in denen grundlegend Neues entsteht. Stefan Gosepath – der in der politischen Philosophie arbeitet, unserer direkten Nachbardisziplin – hat es einmal so gesagt, dass die Originalität der Philosophie der der Architektur gleicht. Die Grundregeln des Baus sind bekannt und ebenso die Bausteine. Neue Häuser entstehen dadurch, dass die bekannten Bausteine auf originelle Weise behauen, geschliffen und zusammengesetzt werden. Von Zeit zu Zeit kommt dann jemand und erfindet einen neuen Baustein. Diese Leute nennt man dann die „großen Philosoph*innen“. Dieses Bild hat mir immer gefallen. Wer die „Großen“ sind, darüber kann man dann wunderbar streiten.

Welche Themen sind in der Politischen Theorie zurzeit besonders wichtig? Woran arbeiten Sie selbst gerade?

Angesichts der politischen Situation drehen sich derzeit viele Debatten um demokratische Regression, also um politische Rückschritte, die sich darin äußern, dass demokratische Rechte, Verfahren und Institutionen beschädigt werden. Das spiegelt sich auch in meiner Forschung wider. Seit ein paar Jahren arbeite ich zur digitalen Transformation der Demokratie. Zunächst habe ich mich eher grundsätzlich mit der Rolle sozialer Medien in der politischen Öffentlichkeit befasst. Soziale Medien haben im Prinzip ein hohes demokratisches Potenzial und können bzw. könnten von Bürger*innen, aber auch von kollektiven Organisationen und Regierungen für diverse (demokratische) Zwecke eingesetzt werden. Spätestens mit der Twitter-Übernahme durch Elon Musk ist aber deutlich geworden, dass sich die Realität der Plattformen in eine andere Richtung entwickelt und sich hier eher eine weitere Dimension demokratischer Regression auftut. Dazu gehört auch die neue demonstrative Nähe zwischen Big Tech und Donald Trump. Zurzeit beschäftige ich mich damit, wie diese Entwicklung theoretisch zu beschreiben ist und inwiefern digitaler Konstitutionalismus eine Gegenmaßnahme sein könnte.

In welchem Verhältnis steht die Politische Theorie zu Ihrem eigenen politischen Denken oder Handeln?

Die Politische Theorie beschäftigt sich im Kern mit normativen Fragen, die viele Bürger*innen auch unabhängig vom Wissenschaftsbetrieb beschäftigen. Viele unserer wissenschaftlichen Auseinandersetzungen – etwa darüber, was es heißt, ein freies Leben zu führen, als gleiche Person behandelt zu werden oder einen gerechten Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten – sind auch Gegenstand realer politischer Konflikte. Die Politische Theorie braucht daher eine Antwort auf die Frage, wie sie ihr Verhältnis zur demokratischen Öffentlichkeit versteht. Ich folge in diesem Punkt dem Modell des „democratic underlabourer“, das die Politische Theorie in der Rolle einer demokratischen Hilfsarbeiterin sieht, die sich mit ihrem fachlichen Know-how zu normativen Problemen legitimen Regierens in den Dienst der politischen Öffentlichkeit stellt.

Zur Person

Prof. Dr. Markus Patberg absolvierte von 2006 bis 2009 sein Bachelorstudium der Politikwissenschaft an der TU Darmstadt und spezialisierte sich durch sein Masterstudium von 2009 bis 2011 in der Politischen Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt und der TU Darmstadt. Anschließend arbeitete er von 2011 bis 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Universitäten und promovierte im Jahr 2016 an der Universität Hamburg, wo er auch anschließend als Postdoc tätig war. Nach Professurvertretungen an der Universität Münster und der Freien Universität Berlin ist Markus Patberg seit 2026 Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald.

Interview: Wiebke Pförter, 28.07.2026

Thematisch passende Beiträge
Studium & Lehre

Was Wissenschaft vom Austausch gewinnt

Studium & Lehre

Neue Gesichter, neue Kontakte: Neuberufenenempfang im Botanischen Garten

Studium & Lehre

„Passt scho“: Was man über Deutsch wirklich wissen muss

Studium & Lehre

Übersetzen als Brücke zwischen Sprachen und Kulturen