Rektorin Prof. Dr. Katharina Riedel (links) und Prof. Dr. Olena Kotykova (rechts), © Zan Vidmar Zorc/UG
Der Weg einer ukrainischen Wissenschaftlerin nach Greifswald
Als Prof. Dr. Olena Kotykova 2023 zum ersten Mal nach Greifswald kam, ahnte sie nicht, dass die Hansestadt einmal ihre neue Heimat werden würde. Heute forscht die ukrainische Wissenschaftlerin mit einem Philipp Schwartz-Stipendium an der Universität Greifswald – und möchte bleiben.
Das Stipendium ermöglicht ihr, ihre Forschung in den kommenden zwei Jahren unter sicheren Bedingungen fortzusetzen. Für Prof. Kotykova bedeutet die Förderung jedoch weit mehr als finanzielle Unterstützung: Sie schenkt ihr und ihrer Familie Stabilität und die Möglichkeit, sich wieder ganz ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. „Dank der Ressourcen der Universität Greifswald und des Vertrauens der Alexander von Humboldt-Stiftung kann ich das Thema meines Lebens – die nachhaltige Entwicklung und Resilienz im Agrarsektor – auf internationalem Niveau weiter vorantreiben“, berichtet Prof. Kotykova. Mit ihrem Projekt untersucht sie, wie zirkuläre Ernährungssysteme die Entwicklung ländlicher Räume fördern und den Wandel hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft unterstützen können.
Wie der Weg nach Greifswald führte
Von 2011 bis 2023 leitete Olena Kotykova den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an der Mykolayiv National Agrarian University in der Ukraine. Mit Beginn des russischen Angriffskrieges wurde jedoch schnell klar, dass sie ihre Arbeit dort unter den gegebenen Bedingungen nicht fortsetzen konnte. Zwei Kolleginnen, die bereits in Deutschland waren, berichteten ihr von der großen Hilfsbereitschaft und den Möglichkeiten für ukrainische Wissenschaftler*innen. Daraufhin bewarb sie sich an der Universität Bamberg. „Als ich dann eine positive Rückmeldung und eine Zusage zur Unterstützung für mich und meine Familie erhielt, fiel mir die Entscheidung leichter“, sagt sie.
Eine wichtige Begleiterin auf diesem Weg war ihre Mentorin Dr. Hasmik Hunanyan. Über das Netzwerk „University of New Europe“ unterstützte sie Prof. Kotykova bei der Suche nach einer Forschungsmöglichkeit in Deutschland, machte sie auf das Philipp Schwartz-Stipendium aufmerksam und begleitete sie durch den Bewerbungsprozess.
Nach Greifswald kam Prof. Kotykova allerdings nicht zum ersten Mal. Bereits 2023 war sie Stipendiatin der Stiftung Alfried Krupp Kolleg Greifswald, 2024 unterrichtete sie als Gastdozentin bei der Sommerschule „Greifswalder Ukrainicum“. In dieser Zeit lernte sie nicht nur die Universität, sondern auch die Stadt näher kennen. „Ich habe mich in die Stadt und die akademische Atmosphäre verliebt“, meint sie. „Die Universität Greifswald war für mich also kein unbekannter Ort, sondern eine bewusste Herzensentscheidung.“ Während sie über Greifswald spricht, wird das Lächeln immer breiter. Die Hansestadt sei offen und überschaubar, mit einer Größe, die sie an ihre Heimat erinnere. Auch die Universität fühle sich vertraut an – ähnlich wie die Mykolayiv National Agrarian University, an der sie viele Jahre gelehrt und geforscht hat.
Greifswald als neuer Heimathafen
Auch wenn die ukrainische Dozentin ihre Heimat unter anderen Umständen wahrscheinlich nie verlassen hätte, hat diese Veränderung ihren Blick auf Herausforderungen verändert. Sie habe gelernt, keine Angst vor Veränderungen und schwierigen Situationen zu haben und ihnen stattdessen mit Mut zu begegnen. Diese Erfahrung möchte sie auch an die Studierenden weitergeben. Gerade in Krisenzeiten entstehe häufig großes Potenzial für Innovationen. „Wissenschaft ist nicht nur graue Theorie, sondern das stärkste Werkzeug, das wir haben, um die Welt krisenfester, friedlicher und nachhaltiger zu gestalten.“ Deshalb ermutigt sie Studierende, ihre Zeit an der Universität zu nutzen, kritisch zu denken und mutige Fragen zu stellen.
In Greifswald hat Prof. Dr. Olena Kotykova mittlerweile eine neue Heimat gefunden. Sie sei traurig, dass das Stipendium nur zwei Jahre geht, sagt sie: „Am Anfang wollte ich nur ein, zwei Jahre bleiben, aber jetzt kenne ich das Land besser, jetzt verstehe ich die Regeln. Ich verstehe das Bildungssystem und es passt zu mir und zu meinen Vorstellungen. Ich möchte gerne bleiben, ich bin glücklich hier.“
2015 wurde die Philipp Schwartz-Initiative vom Auswärtigen Amt und der Alexander von Humboldt-Stiftung ins Leben gerufen. Das Programm ermöglicht es gefährdeten Wissenschaftler*innen, ihre Forschung an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen fortzusetzen, indem es teilnehmenden Institutionen die nötigen Fördermittel zur Verfügung stellt. Forschende können ein Stipendium mit einer Laufzeit von bis zu 24 Monaten erhalten, das bis zu 12 Monate verlängert werden kann.
Seit 2015 wurden durch die Philipp Schwartz-Initiative bereits über 450 Wissenschaftler*innen an deutschen Forschungseinrichtungen aufgenommen.
Text: Wiebke Pförter, 03.08.2026
