Lea Baumgärtner bei der Passüberquerung auf dem Manaslu Circuit Trek in Nepal
Die Greifswalder Medizinstudentin Lea Baumgärtner hat im Wintersemester 2025/26 zwei Tertiale ihres Praktischen Jahres in Nepal, Sri Lanka und der Schweiz durchgeführt. Im Interview vergleicht sie ihre Aufenthalte in den verschiedenen Ländern und ihre Arbeit in den unterschiedlichen Krankenhäusern.
Was hat dich dazu motiviert, nach Nepal, Sri Lanka und die Schweiz zu gehen?
Schon früh im Studium war für mich klar, dass ich einen Teil meines Praktischen Jahres (PJ) im Ausland verbringen möchte. Ich reise unglaublich gerne und bin neugierig auf andere Länder, Kulturen und Lebensweisen. Durch meine Famulaturen in England und Kenia habe ich außerdem gemerkt, wie faszinierend ich es finde, zu erleben, wie Medizin in unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten praktiziert wird. Deshalb wollte ich diese Erfahrungen auch während meines PJs fortsetzen.
Ein Tertial wollte ich bewusst auch in Deutschland verbringen, weil ich den klinischen Alltag hier ebenfalls intensiv kennenlernen wollte. Da ich während des Studiums bereits mehrere praktische Erfahrungen im Ausland sammeln konnte, war es mir wichtig, auch Einblicke in den Arbeitsalltag eines deutschen Krankenhauses zu gewinnen, um die Erfahrungen aus dem Ausland besser mit dem deutschen Klinikalltag vergleichen zu können.
Für mein chirurgisches Tertial habe ich mich für Nepal und Sri Lanka entschieden. Beide Länder haben mich schon lange durch ihre beeindruckende Natur und ihre kulturelle Vielfalt fasziniert. Außerdem fand ich es spannend, den Klinikalltag in zwei sehr unterschiedlichen Versorgungsstrukturen kennenzulernen: am Manipal Teaching Hospital in Pokhara, einem privat geführten Lehrkrankenhaus in Nepal, sowie am Galle National Hospital, einem öffentlichen Krankenhaus im Süden Sri Lankas. Die Innere Medizin habe ich anschließend am Kantonsspital Winterthur in der Schweiz absolviert, weil mich die strukturierte Lehre und der hohe fachliche Standard überzeugt haben. Gleichzeitig bot mir die Schweiz die Möglichkeit, meine Begeisterung für die Berge und das Wandern ideal mit dem PJ zu verbinden.
Bei der Wahl meiner Aufenthalte ging es aber nie nur um die Medizin. Für mich macht gerade die Kombination aus medizinischen Erfahrungen, Reisen und kulturellem Austausch den Reiz eines Auslandsaufenthalts aus. Zu erleben, wie unterschiedlich Menschen leben, arbeiten und Medizin praktizieren, erweitert meinen Blick jedes Mal aufs Neue. Genau diese Verbindung hat mein PJ im Ausland für mich so besonders und wertvoll gemacht.
Wie hast du deinen Ausland geplant? Welchen bürokratischen Herausforderungen musstest du dich stellen?
Der Entschluss, einen Teil meines PJs im Ausland zu verbringen, stand schon zu Beginn des klinischen Studienabschnitts fest. Damals habe ich mir erstmals überlegt, welche Famulaturen und PJ-Tertiale sich gut kombinieren lassen und welche Länder für mich infrage kommen. Da die Bewerbungsfristen sehr unterschiedlich sind – für die Schweiz beispielsweise mehrere Jahre im Voraus, für Nepal und Sri Lanka dagegen erst etwa ein Jahr vorher – hat es sich ausgezahlt, dass ich mich schon so früh mit meiner Planung beschäftigt habe.
Bei der Auswahl der Krankenhäuser habe ich mich unter anderem an der Liste des Landesprüfungsamts orientiert, auf der Kliniken aufgeführt sind, deren PJ-Tertiale unkompliziert anerkannt werden. Insgesamt war der organisatorische Aufwand aber gut zu bewältigen. Je nach Land unterschieden sich zwar Bewerbungsverfahren, Visa und Versicherungen etwas, größere Hürden gab es für mich jedoch nicht. Geholfen haben mir außerdem die Erfahrungsberichte anderer Studierender, an denen ich mich bei der Planung orientieren konnte.
Welche sprachlichen Voraussetzungen musstest du für Sri Lanka und Nepal mitbringen?
Gute Englischkenntnisse waren auf jeden Fall eine wichtige Voraussetzung. Sowohl in Nepal als auch in Sri Lanka finden das Medizinstudium und die Kommunikation unter den Ärzt*innen auf Englisch statt. Dadurch konnte ich dem klinischen Alltag größtenteils gut folgen und mich problemlos im Team verständigen. Im direkten Patientenkontakt waren die Sprachbarrieren allerdings deutlich spürbar. Während im Operationssaal viel auf Englisch kommuniziert wurde, fanden Visiten oder Sprechstunden häufig in der jeweiligen Landessprache statt. In Nepal wurde überwiegend Nepali gesprochen, sodass ich mich oft auf meine Beobachtungen verlassen musste und nur gelegentlich übersetzt wurde. In Sri Lanka wurden die Visiten dagegen häufiger auf Englisch begleitet, sodass ich den Gesprächen besser folgen konnte und auch stärker in die Lehre eingebunden war.


Wie hast du deine Aufenthalte finanziert?
Die Finanzierung spielte bei der Planung natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich habe im Jahr vor dem PJ bewusst viel gearbeitet und so Rücklagen aufgebaut. Zusätzlich wurde ich für meine PJ-Tertiale in Nepal und Sri Lanka durch ein PROMOS-Stipendium der Universität Greifswald sowie für mein Tertial in der Schweiz über Erasmus+ gefördert. Während für die PJ-Tertiale in Nepal und Sri Lanka Studiengebühren anfielen und ich dort keine Vergütung erhielt, waren die Lebenshaltungskosten deutlich geringer als in Europa. In der Schweiz war es genau umgekehrt: Die Lebenshaltungskosten waren deutlich höher, dafür erhielt ich eine PJ-Vergütung. Insgesamt waren meine Auslandsaufenthalte durch frühzeitige Planung, eigene Rücklagen sowie die Unterstützung durch die Förderprogramme gut realisierbar.
Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede hast du in der Arbeit auf den einzelnen Stationen beobachtet?
Am meisten beeindruckt hat mich, wie stark medizinische Versorgung von den jeweiligen Rahmenbedingungen geprägt wird. Besonders spannend war für mich der Vergleich zwischen einer Privatklinik in Nepal und einem öffentlichen Krankenhaus in Sri Lanka. Während in der Privatklinik teilweise sogar Betten leer standen, war das öffentliche Krankenhaus oft völlig überlastet. Lange Warteschlangen gehörten dort zum Alltag und Patient*innen wurden teilweise sogar auf den Fluren versorgt.
Auch die Gesundheitssysteme unterscheiden sich deutlich. In Nepal erschweren die geografischen Gegebenheiten die Gesundheitsversorgung zusätzlich – in abgelegenen Bergregionen müssen manche Patient*innen mehrere Tage zu Fuß bis zum nächsten Krankenhaus zurücklegen. Hinzu kommen finanzielle Hürden, da medizinische Behandlungen häufig selbst bezahlt werden müssen. In Sri Lanka ist die öffentliche Gesundheitsversorgung dagegen kostenlos. Gleichzeitig standen in beiden Ländern deutlich weniger diagnostische Möglichkeiten zur Verfügung, als ich es aus Europa kannte. Umso wichtiger waren eine sorgfältige Anamnese und die körperliche Untersuchung. Schon während einer Famulatur in Kenia hatte ich den Eindruck, dass Medizinstudierende dadurch sehr früh ein ausgeprägtes klinisches Denken entwickeln – dieser Eindruck hat sich in Nepal und Sri Lanka noch einmal bestätigt. Die Erwartungen an die Studierenden waren hoch und sie wurden früh aktiv in den Klinikalltag eingebunden.
Die Schweiz bildete dazu einen spannenden Kontrast. Moderne Infrastruktur, strukturierte Lehre und ein hoher fachlicher Standard ermöglichten es mir, internistisch fachlich besonders viel mitzunehmen. Trotz der sehr unterschiedlichen Voraussetzungen hatte ich nie den Eindruck, dass die Qualität der Ausbildung darunter leidet – sie setzt lediglich unterschiedliche Schwerpunkte.
Wie sah deine Freizeitgestaltung während der Aufenthalte aus?
Die Zeit außerhalb des Krankenhauses war für mich mindestens genauso wertvoll wie die Zeit in der Klinik. Gerade diese Zeit hat es mir ermöglicht, wirklich in die Länder einzutauchen, ihren Alltag mitzuerleben und ihre Kultur und die Menschen vor Ort kennenzulernen. Diese Verbindung aus Medizin, Reisen und kulturellem Austausch hat meine Auslandsaufenthalte für mich so einzigartig gemacht.
So unterschiedlich die drei Länder waren, so unterschiedlich waren auch die Erfahrungen, die ich dort sammeln durfte. In Nepal haben mich vor allem die Trekkingtouren im Himalaya tief beeindruckt – Erlebnisse, die mich nachhaltig geprägt haben. Ebenso genoss ich den entschleunigten Alltag in Pokhara mit Yoga, Meditation und Live-Musik. Auch die Zeit in einem Homestay bei einer nepalesischen Familie mit einem kleinen Bauernhof war eine spannende Erfahrung und hat mir einen sehr authentischen Einblick in das Leben vor Ort gegeben. Faszinierend fand ich außerdem, wie präsent Hinduismus und Buddhismus im Alltag sind, von den beeindruckenden Tempelanlagen bis hin zu den vielen kleinen Ritualen, denen man überall begegnet. Gerade diese Mischung aus beeindruckender Natur, großer Gastfreundschaft und einer besonderen Gelassenheit macht Nepal für mich zu einem ganz besonderen Land.




Sri Lanka war dagegen deutlich lebendiger. Morgens mit dem Scooter zwischen Palmen und Reisfeldern zur Klinik fahren und nach der Arbeit direkt ans Meer. Dieser Alltag war etwas ganz Besonderes. Dort habe ich das Surfen gelernt und an den Wochenenden das Land bereist. Durch einen Aufenthalt in einem buddhistischen Meditationszentrum oder bei einer großen buddhistischen Parade habe ich noch einmal ganz andere Einblicke in Kultur und Religion gewonnen.




Auch in der Schweiz habe ich jede freie Minute genutzt, um unterwegs zu sein. Die Nähe zu den Bergen war für mich als begeisterte Wanderin perfekt. Gleichzeitig habe ich das vielfältige kulturelle Angebot sehr geschätzt. Rückblickend waren genau diese Erlebnisse außerhalb des Krankenhauses viel mehr als nur Freizeit. Sie haben mir geholfen, die Länder, ihre Kultur und vor allem die Menschen dahinter wirklich kennenzulernen.


Was nimmst du fachlich und persönlich von deinen Aufenthalten mit?
Fachlich haben mir die Aufenthalte vor allem gezeigt, wie unterschiedlich Medizin je nach Gesundheitssystem und den vorhandenen Ressourcen aussehen kann. Darüber hinaus konnte ich tropenmedizinische Krankheitsbilder und Notfälle kennenlernen, die ich in Deutschland gar nicht gesehen hätte – darunter Denguefieber, Chikungunya oder Schlangenbisse. Ich habe gelernt, medizinische Entscheidungen immer im jeweiligen Kontext zu betrachten und nicht vorschnell zu bewerten. Gleichzeitig haben sie mir noch einmal verdeutlicht, wie wichtig eine sorgfältige Anamnese, die körperliche Untersuchung und klinisches Denken sind.
Mindestens genauso prägend waren die Auslandsaufenthalte aber persönlich. Sie haben mich darin bestärkt, offen auf andere Menschen, Kulturen und medizinische Arbeitsweisen zuzugehen und gezeigt, wie sehr mich genau dieser Austausch bereichert. Wo mich mein beruflicher Weg einmal hinführen wird, weiß ich noch nicht. Ich wünsche mir aber, auch in Zukunft immer wieder die Möglichkeit zu haben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen – fachlich genauso wie persönlich. Rückblickend haben mich die Auslandsaufenthalte genau in dem bestärkt, was mich schon zu Beginn des Studiums motiviert hat: Medizin nicht losgelöst zu betrachten, sondern immer auch im Kontext der Menschen und ihrer Lebensrealität.
Interview: Sophie Müller, 07.08.2026
Fotos: Lea Baumgärtner
