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„Passt scho“: Was man über Deutsch wirklich wissen muss

Das Foto zeigt einen braunhaarigen, lächelnden Mann mit kurzen Haaren. Er trägt ein schwarzes Oberteil und im Hintergrund sind Häuser und Bäume zu sehen.

Portrait Prof. Dr. Nikolas Koch, © Tim Schröter

Deutsch gilt als kompliziert, grammatiklastig und voller sprachlicher Eigenheiten – doch stimmt das wirklich? Prof. Dr. Nikolas Koch, Professor für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität Greifswald, erklärt, warum der Ruf der deutschen Sprache oft schlechter ist als die Realität und was bilinguale Kinder uns über Sprache verraten können.

Herr Koch, ist Deutsch wirklich so schwer zu lernen, wie viele denken, oder wird der Schwierigkeitsgrad überschätzt?

Die pauschale Aussage, Deutsch sei besonders schwer, ist so nicht haltbar – sie ist eher ein Mythos, der aus einzelnen, oft sehr sichtbaren Merkmalen der Sprache entsteht.
Zunächst ist wichtig: Sprachschwierigkeit ist immer relativ und hängt stark von der Perspektive der Lernenden ab. Für Sprecher*innen verwandter Sprachen wie Englisch oder Niederländisch ist Deutsch häufig vergleichsweise gut zugänglich, weil es viele ähnliche Wörter und strukturelle Gemeinsamkeiten gibt. Für Lernende aus sprachlich weiter entfernten Systemen, etwa aus dem Chinesischen oder Arabischen, kann Deutsch dagegen deutlich komplexer wirken.
Gleichzeitig hat Deutsch natürlich Bereiche, die tatsächlich als anspruchsvoll gelten können – zum Beispiel die Flexion in der Nominalphrase mit Kasus und Genus oder die Verbzweitstellung im Hauptsatz. Also die Tatsache, dass das konjugierte Verb im Aussagesatz an zweiter Stelle steht, im Nebensatz aber ans Satzende rückt. Solche Strukturen sind real komplex und werden auch im kindlichen Erstspracherwerb schrittweise über mehrere Jahre hinweg erworben. Gleichzeitig gilt aber: Andere Sprachen haben ihre eigenen Komplexitäten, etwa Tonsysteme oder sehr komplexe Schriftsysteme.

Insgesamt wird der Schwierigkeitsgrad des Deutschen daher oft überschätzt. Er ergibt sich weniger aus einer objektiven „Schwere“ der Sprache, sondern stark aus der jeweiligen Lern- und Vergleichsperspektive.

Was bedeutet das konkret?

Ein interessanter Vergleich dazu kommt aus dem US-Kontext: Dort werden Sprachen im Rahmen des Foreign Service Institute nach Lernaufwand für englische Muttersprachler kategorisiert. Deutsch wird dort zwar als vergleichsweise gut erlernbar eingestuft, aber dennoch als etwas aufwendiger als beispielsweise Französisch oder Spanisch. Deutsch liegt dort in Kategorie II, romanische Sprachen wie Französisch oder Spanisch dagegen in Kategorie I. Als schwieriger gelten Sprachen wie Arabisch, Chinesisch, Japanisch oder Koreanisch. Diese Einordnung zeigt noch einmal deutlich: Schwierigkeit ist kein absoluter Wert, sondern hängt immer davon ab, wer eine Sprache aus welcher Ausgangssprache heraus lernt.

Und schließlich spielt auch eine zentrale Rolle, wann eine Sprache gelernt wird: Ob im frühen Kindesalter, als Kleinkind, in der Jugend oder erst im Erwachsenenalter macht einen erheblichen Unterschied. Früh gelernte Sprachen werden oft intuitiver und implizit erworben, während späteres Lernen stärker auf bewusste Regelbildung und Lernen angewiesen ist. Auch das beeinflusst maßgeblich, wie „schwer“ eine Sprache erlebt wird.

Sie haben ursprünglich Biologie, Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert – was hat Sie anschließend dazu bewogen, sich auf Deutsch als Zweit- und Fremdsprache zu spezialisieren?

Nach meinem Studium habe ich mich zunächst wissenschaftlich mit dem Spracherwerb des Deutschen bei Kindern beschäftigt und dazu auch promoviert. Im Anschluss habe ich mein Referendariat gemacht und dabei insbesondere im Fachunterricht Biologie sehr deutlich erlebt, wie zentral Sprache für das Lernen ist. Ich war an einem Gymnasium, an dem ein hoher Anteil der Schüler*innen eine andere Erstsprache als Deutsch hatte. Dabei wurde schnell sichtbar, dass der Zugang zu fachlichen Inhalten immer über Sprache läuft – Sprache ist also gleichzeitig Lernmedium und Lerngegenstand. Genau das macht Unterricht in sprachlich heterogenen Klassen besonders herausfordernd, aber auch sehr interessant.
Diese Erfahrungen haben mein Interesse dafür geweckt, wie Erwerbsprozesse verlaufen, wenn Lernende bereits andere Sprachen mitbringen oder das Deutsche parallel zu einer weiteren Sprache erwerben. Daraus hat sich dann meine Spezialisierung auf Deutsch als Zweit- und Fremdsprache entwickelt.

In einem Ihrer Forschungsprojekte untersuchen Sie, wie zweisprachige Kinder Elemente aus zwei Sprachen innerhalb einer einzigen Äußerung kombinieren (Code-Mixing) – können Sie das an einem einfachen Beispiel erklären?

Ja, genau, diese Form mehrsprachigen Sprechens ist tatsächlich ein zentraler Schwerpunkt meiner aktuellen Forschung. Ich untersuche dabei Sprachdaten von Kindern, die bilingual mit Deutsch und Englisch aufwachsen, und schaue mir an, wie sie beide Sprachen innerhalb einer einzigen Äußerung kombinieren. Das nennt man Code-Mixing. Dabei entstehen sehr typische Mischformen, zum Beispiel Äußerungen wie: „Look at the Ampel, its kaputt“, oder „Das is(t) the next job“. Weitere Beispiele sind Kombinationen wie „Die Bauarbeiter speaken German“ oder „und das da go to school?“.

Solche Beispiele sind interessant, weil sie zeigen, dass die Kinder nicht einfach zwischen zwei Sprachen hin- und herwechseln, sondern beide sprachlichen Systeme flexibel miteinander kombinieren. Das gibt uns wichtige Einblicke in den mehrsprachigen Spracherwerb und in die Frage, wie Sprachsysteme im Kopf organisiert sind.

Sie begleiten in diesem Projekt deutsch-englisch-sprachige Kinder im Alter von 2 bis 4 Jahren und ihre Bezugspersonen, um wiederkehrende sprachliche Muster zu identifizieren. Wie gelingt es Ihnen, authentische Sprachdaten aus dem Familienalltag zu gewinnen, ohne die Beteiligten dabei zu stark zu „beobachten“ oder zu „stören?

Diese Daten habe ich nicht selbst erhoben, sondern ich arbeite in dem Projekt mit Kolleg*innen zusammen, unter anderem mit Antje Endesfelder-Quick von der Uni Leipzig und Stefan Hartmann von der Uni Düsseldorf. Die Datensätze stammen ursprünglich aus einem Projekt am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, das in den frühen 2000er Jahren durchgeführt wurde und uns für unsere Forschung dankenswerterweise zur Verfügung gestellt wurde. Methodisch ist dabei interessant, dass die Datenerhebung sehr alltagsnah organisiert wurde: Die Eltern haben die Aufnahmen selbst durchgeführt, indem sie in ganz normalen Alltagssituationen im Familienleben ein Aufnahmegerät mitlaufen ließen – etwa beim gemeinsamen Bilderbuchanschauen, beim Malen, Essen oder beim Zubettbringen.
Wichtig ist dabei auch, dass keine künstlichen Situationen erzeugt wurden, also keine speziellen Spielsituationen oder Materialien vorgegeben waren. Ziel war es gerade, möglichst authentische, natürliche Sprachdaten aus dem Familienalltag zu erhalten, ohne die Interaktion unnötig zu beeinflussen.

Sie beschäftigen sich auch mit Schreiben in mehrsprachigen Kontexten: Denken wir anders, je nachdem, in welcher Sprache wir schreiben?

Die Vorstellung, dass Sprache unser Denken vollständig bestimmt, gilt heute als überholt. Allerdings zeigen viele Studien, dass Sprache unsere Wahrnehmung und unsere Art, Gedanken auszudrücken und zu strukturieren, durchaus beeinflussen kann. Besonders in mehrsprachigen Kontexten beobachten wir, dass Schreibende je nach Sprache unterschiedliche rhetorische Muster, Argumentationsweisen oder Formen der Selbstpositionierung nutzen. Sprache ist also nicht nur ein neutrales Werkzeug, sondern steht immer auch in Verbindung mit kulturellen und kommunikativen Praktiken. Deshalb kann sich Schreiben in verschiedenen Sprachen tatsächlich unterschiedlich anfühlen – weniger, weil Menschen völlig anders denken, sondern weil unterschiedliche Sprachen und Diskurse unterschiedliche Perspektiven und Ausdrucksmöglichkeiten nahelegen.

Zum Abschluss: Welche Redewendung würden Sie Deutsch-Lernenden als Erstes beibringen und warum?

Es gibt eine ganze Reihe sehr nützlicher Redewendungen, die man möglichst früh im Fremdsprachenlernen erwerben sollte, weil sie helfen, schnell und unkompliziert an Gesprächen teilzunehmen und kommunikativ handlungsfähig zu werden. Eine solche Wendung, die mir dabei auch persönlich einfällt, ist „Passt scho“. Die habe ich selbst neu kennengelernt, als ich nach München gekommen bin, und sie hat sich im Alltag sehr schnell als äußerst praktisch erwiesen. Diese Redewendung ist typisch für den bairischen Sprachraum und wird verwendet, um Zustimmung, Akzeptanz oder auch Gelassenheit auszudrücken – oft in Situationen, in denen etwas nicht perfekt ist, aber als völlig in Ordnung gilt. Genau solche Formeln sind im Alltag besonders nützlich, weil sie soziale Interaktion sehr schnell und unkompliziert strukturieren. Interessant ist dabei auch, dass solche Lernprozesse nicht nur für klassische Fremdsprachenlernende relevant sind. Als ich selbst aus Nordrhein-Westfalen nach München gekommen bin, musste ich mich ebenfalls erst an bestimmte regionale sprachliche Muster und Ausdrucksweisen gewöhnen. Das zeigt, dass sprachliches Lernen auch innerhalb derselben Sprache ständig stattfindet – etwa im Umgang mit Regiolekten, regionalen Varianten oder unterschiedlichen kommunikativen Gewohnheiten.

Zur Person

Prof. Dr. Nikolas Koch studierte von 2005-2011 die Fächer Biologie, Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschule an der Universität zu Köln. Anschließend arbeitete er von 2012-2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsch als Fremdsprache der Ludwig-Maximilians-Universität München und absolvierte zwischen 2017 und 2018 sein Referendariat in den Fächern Biologie, Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen. Im April 2026 trat Prof. Dr. Koch die Professur für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache (DaZ/DaF) an der Universität Greifswald an.

Interview: Wiebke Pförter, 16.06.2026

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