Gespannt hören die Studierenden der Übersetzerin Elina Kritzokat zu, © Anne Junia Ziemann/UG
Was passiert, wenn ein literarischer Text die Sprache wechselt? Wenn Tonfall, Rhythmus und Bedeutung neu ausgehandelt werden müssen? Genau hier setzt die Gastdozentur von Übersetzerin Elina Kritzokat im Sommersemester 2026 an der Universität Greifswald an. Sie bringt Studierende direkt in Kontakt mit der Praxis literarischen Übersetzens.
Schon die ersten Veranstaltungen im Januar und Mitte April zeigten, wie lebendig übersetzen sein kann. Statt abstrakter Theorie geht es in den Vorlesungen von Elina Kritzokat um konkrete Entscheidungen am Text, um Sprachgefühl und um die Frage, wie sich Bedeutung überhaupt übertragen lässt. Die Vorlesungen stießen bei den Studierenden auf großes Interesse – auch, weil sie unmittelbare Einblicke in den Berufsalltag boten.
Vom Hörsaal in die Werkstatt der Sprache
„Ich fand vor allem den Teil, wie man mit der Mündlichkeit umgeht, sehr spannend“, sagt Dominika, die Baltistik und Fennistik studiert. Besonders der Vergleich zwischen Deutsch und Finnisch habe sie interessiert.
Dass es dabei nicht nur um Technik, sondern auch um Haltung geht, betont Claudia, Fennistik- und Skandinavistik-Studentin. Die Vorlesungen würden das Übersetzen umfassend reflektieren und immer wieder das „menschliche Element“ in den Mittelpunkt stellen und damit auch neue Blickwinkel auf zentrale Inhalte des Studiums eröffnen.
Zwischen Algorithmus und Sprachgefühl
Gerade vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen – etwa durch KI-gestützte Übersetzungstools – gewinnt dieser Zugang zusätzlich an Bedeutung. Denn während Maschinen zunehmend Texte übertragen können, bleibt die Frage, wie Nuancen, kulturelle Kontexte und stilistische Feinheiten angemessen wiedergegeben werden.
Die Vorlesungen machen deutlich: Literarisches Übersetzen ist immer auch Interpretation. Es erfordert Entscheidungen, Erfahrung und ein Gespür für Wirkung – Aspekte, die sich nicht ohne Weiteres automatisieren lassen.
Theorie trifft Praxis
Einblicke in reale Projekte und Arbeitsprozesse zeigen, wie vielschichtig Übersetzen tatsächlich ist. Sophia und Sirpa, Studentinnen der Skandinavistik, heben besonders die praktischen Hinweise hervor, etwa dazu, wie man sich Übersetzungen nähert oder erste Schritte im Berufsfeld geht.
Auch Lea, Studentin der Skandinavistik und Fennistik, sieht darin einen klaren Mehrwert für ihr Studium: Die Beispiele aus der Praxis helfen ihr, theoretische Inhalte besser einzuordnen und eigene Perspektiven für den späteren Berufsweg zu entwickeln.
Wenn aus Seminaren Projekte werden
Ein direkter Impuls aus der Gastdozentur zeigt sich auch in einem studentischen Projekt: Die Neuen Nordischen Novellen (NNN) gehen in eine neue Runde. Bereits die letzte Ausgabe unter dem Titel „Zeitstücke“ versammelte 53 Kurzgeschichten zum Thema Zeit.
30 Studierende übersetzten dafür Texte aus zwölf Sprachen – darunter Dänisch, Estnisch, Finnisch, Isländisch, Lettisch, Norwegisch, Polnisch, Russisch, Schwedisch, Tschechisch und Ukrainisch – erstmals ins Deutsche. Ergänzt wurden die Texte durch Illustrationen von Studierenden des CDFI.
Übersetzen lernen – praktisch und konkret
Ein weiterer Schwerpunkt folgt im Juni: Ein Blockseminar für Studierende der Fennistik rückt die eigene Übersetzungspraxis in den Mittelpunkt – von der ersten Annäherung an den Ausgangstext bis hin zu stilistischen und kulturbezogenen Entscheidungen im Deutschen.
So entsteht über das Semester hinweg ein Raum, in dem Übersetzen nicht nur analysiert, sondern aktiv erprobt wird.
Die Gastdozentur im Sommersemester 2026 wird durch den Deutschen Übersetzerfonds gefördert, unterstützt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Der Deutsche Übersetzerfonds setzt sich bundesweit für die Förderung literarischer Übersetzer*innen ein – unter anderem durch Stipendien, Projekte und Veranstaltungen, die den Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft stärken.
Anne Junia Ziemann, 06.05.2026
