Portrait Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons, © Zan Vidmar Zorc, Universität Greifswald
Ein Meer, viele Verbindungen: Rund um die Ostsee wird deutlich, wie Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaften über Grenzen hinweg zusammenwirken. Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons erzählt, warum Geschichte nicht an Grenzen endet.
Herr Antons, Sie arbeiten seit diesem Jahr als Professor für Transnationale Geschichte an der Universität Greifswald. Wie würden Sie sich Studierenden und Leser*innen unseres Uni-Magazins in Bezug auf Ihre Lehre und Forschung kurz vorstellen?
Meine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen zeitlich im 19. und 20. Jahrhundert und räumlich primär im Ostseeraum und sekundär in ganz Europa. Mich interessiert dabei weniger die „Politik der großen Männer“ als das Aufeinandertreffen und Zusammenwirken einfacher Leute, zivilgesellschaftliche Initiativen und gesellschaftliche Entwicklungen, die in der Moderne grenzüberschreitend Geltung erlangten. Zu meinen inhaltlichen Schwerpunkten zählen beispielsweise die Umweltgeschichte und die Tourismusgeschichte, aber auch die Geschichte von NS-Zwangsarbeit und Besatzungsgesellschaften im Zweiten Weltkrieg.
Was bedeutet „transnational“ für Sie im historischen Arbeiten?
Transnational bedeutet für mich, die aus ihren Anfängen im 19. Jahrhundert stammende enge Fokussierung der Geschichtswissenschaft auf Nationalstaaten zu überwinden. Für die frühen Historiker*innen war die Legitimierung von Nationalstaaten bedeutender Teil ihres Selbstverständnisses, das sich tief in die wissenschaftliche Disziplin eingeschrieben hat. Jenseits von nationalen Meistererzählungen geht es in der transnationalen Geschichte heute darum, historische Prozesse, die quer zur Nation abliefen, in den Fokus zu rücken. Nehmen Sie nur die Umweltgeschichte, bei der ganz offensichtlich ist, dass Staatsgrenzen für die ökologischen Folgen menschlichen Handelns keine entscheidende Rolle spielen. Stattdessen richten wir den Blick auf Austausch zwischen Gesellschaften, auf Verflechtungen, Abhängigkeiten und Gemeinsamkeiten. Mich interessiert beispielsweise mehr, wie die Entwicklung des Ostseetourismus in Dänemark und Schweden mit derjenigen an der südlichen Ostsee zusammenhing, als nur ein Land im Rahmen nationaler Gesetzgebung oder spezieller Eigenheiten zu betrachten.
Ihr Studium führte Sie nach Hamburg, Kopenhagen und später nach Lviv in die Ukraine. Wie haben diese internationalen Erfahrungen Ihre Forschung geprägt?
Jede Fremdheitserfahrung ist meines Erachtens eine Bereicherung, eine Erweiterung des persönlichen Horizontes. Häufig findet man im vermeintlich Fremden aber Bekanntes wieder, Parallelen und Gemeinsamkeiten. Und das weckt ein Interesse für transnationale Geschichte, für eine übergreifende Perspektive. Aber natürlich habe ich auch die Eigenheiten meiner akademischen Gastländer wahrgenommen und auf mich wirken lassen. In Dänemark waren im universitären Kontext insbesondere die flachen Hierarchien auffällig, aus der Ukraine habe ich einen ganz anderen Blick auf Mitteleuropa mitgenommen.
Der Ostseeraum steht im Zentrum Ihrer Forschung. Was macht diese Region historisch so besonders?
Im Gegensatz zu den großen Weltmeeren ist rund um das relativ kleine europäische Binnenmeer der Ostsee die weite Wasserfläche seit vielen Jahrhunderten eher verbindendes als trennendes Element. Von der Siedlungsgeschichte über kulturellen Austausch und ökonomische Verflechtung bis hin zu ökologischen Folgen menschlichen Handelns gab und gibt es sehr viel Interdependenzen. Es gab Zeiten deutscher, dänischer, schwedischer und russischer Dominanz – heute gehören fast alle Küsten, bis auf die kleinen russischen Küstenabschnitte bei St. Petersburg und Kaliningrad, zur Europäischen Union.
Auch die geographischen Eigenschaften der Ostsee haben historische Besonderheiten bedingt. Da das Meer sehr flach ist und nur wenig Wasseraustausch mit den Weltmeeren hat, sind die Auswirkungen menschlichen Wirtschaftens auf das Ökosystem besonders schnell sichtbar und gravierender als andernorts. Diese Schäden bedrohten die Wirtschaft in allen Anrainerstaaten gleichermaßen, denn Fischfang und Tourismus, die im 20. Jahrhundert zum größten Wirtschaftsfaktor der Ostsee aufgestiegen waren, gerieten in Gefahr. Auch durch diese Erkenntnis stellten die Gesellschaften rund um das kleine Meer neue transbaltische Beziehungen her – in der Wissenschaft und in der Diplomatie, zwischen Zivilgesellschaften und ökonomischen Akteuren.
Aktuell forschen Sie zur Umweltgeschichte der Ostsee in Bezug auf Erdölvorkommen. Wie zeigt die Erdölgeschichte der Ostsee, dass Umweltkonflikte schon früh nationale Grenzen überschritten?
Zunächst einmal ist die Geschichte der Erdölförderung und Verarbeitung in Raffinerien, der Transport des Rohstoffs und der fertigen Produkte in Pipelines und Tankschiffen sowie schließlich der Verbrauch im privaten Konsum und in der Industrie von vornherein ein multilokales Phänomen der Verflechtungsgeschichte, das nur in Ausnahmefällen in autarken Wirtschaftssystemen von Nationalstaaten stattfand.
Für die Mehrheit der Bevölkerung wurde die transnationale Dimension des Erdölzeitalters aber erst mit der ökologischen Bedrohung durch Tankerunglücke offensichtlich. Die Torrey-Canyon-Katastrophe am 18. März 1967 vor der Küste Cornwalls in Südengland brannte dieses Thema durch globale Medienaufmerksamkeit in das öffentliche Bewusstsein. Die Angst vor derartigen Katastrophen brachte 1969 erstmals alle Ostseeanrainer über den „Eisernen Vorhang“ hinweg an einen Tisch, um Vorsichtsmaßnahmen zu diskutieren. Doch verhindern ließen Unglücke sich nicht: Im Ostseeraum war die Havarie des sowjetischen Tankers Antonio Gramsci vor dem lettischen Ölhafen Ventspils im Februar 1979 ein einschneidendes Ereignis. Der ausgetretene Ölteppich trieb drei Monate über das Meer, bis er kurz vor Beginn der Badesaison schließlich den Stockholm-Archipel und die finnischen Åland-Inseln erreichte. Und angesichts der vor Staatsgrenzen nicht haltmachenden Umweltschäden wuchs auch die Aufmerksamkeit der Auftrieb erhaltenden Umweltbewegungen für transnationale Perspektiven und Vernetzung.
Gibt es einen Ort an der Ostsee, an dem Geschichte für Sie besonders spürbar wird?
Da gibt es viele, von der überdimensionierten ehemaligen Poststation in Eckerö auf den finnischen Åland-Inseln, die im 19. Jahrhundert den westlichsten Vorposten des Russischen Reiches in der Ostsee darstellte, bis zu Heiligendamm, das 1793 als erstes Seebad Kontinentaleuropas gegründet wurde, am anderen Ende der Ostsee. Gleich vor der Haustür bietet aber die Insel Usedom eine besonders reichhaltige und sich dicht überlagernde historische Zeugenschaft. Einerseits die alten Seebäder als exklusive Elitentreffpunkte, die sich selbst publikumswirksam zu „Kaiserbädern“ erklärten, andererseits die Raketenversuchsanstalt von Peenemünde, für die im „Dritten Reich“ riesige Lager für Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge zwischen Karlshagen und Trassenheide gebaut wurden und deren Bombardierung durch die Alliierten bis heute ganze Waldstücke als munitionsbelastet von der öffentlichen Nutzung ausschließt; und schließlich aus umwelthistorischer Perspektive die größte Erdölförderstätte der DDR in Lütow.
Zum Abschluss: Was überrascht Studierende am meisten, wenn sie sich erstmals mit transnationaler Geschichte beschäftigen?
Vielleicht die konstruktivistische Erkenntnis, dass Nationen nur durch unsere Vorstellungskraft existieren, das heißt, dass es keine notwendigen äußeren Definitionsmerkmale dafür gibt, was eine Nation ausmacht, sondern eine hinreichende große Gruppe von Menschen nur der Überzeugung sein muss, eine Nation zu sein, um diese Nation zu erschaffen. Für alle anderen Definitionsmerkmale wie gemeinsame Sprache, ökonomische Verflechtung, Kommunikationsraum, Glaube, Kultur etc. gibt es genug Gegenbeispiele von Nationen, die ohne diese Merkmale auskommen. Auch wenn Nationen trotz dieses Konstruktionscharakters eine erhebliche Wirkungsmacht entfaltet haben, öffnet diese Perspektive den Blick dafür, Geschichte jenseits vom Denken in nationalen Kategorien zu erforschen.
Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons ist seit Februar 2026 Professor für Transnationale Geschichte an der Universität Greifswald. Sein Forschungsschwerpunkt ist der Ostseeraum, zu dem er 2025 seine Habilitation mit der Schrift „Der Mensch und das Meer von Romantik bis Anthropozän. Eine Umweltgeschichte des Ostseetourismus“ abschloss.
Zuvor studierte er Geschichtswissenschaft, Politologie und Soziologie an der Universität Hamburg und der Universität Kopenhagen (2001-2008) und absolvierte zwischen 2009 und 2013 als Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. Studienaufenthalte in Lviv/Ukraine. Nachdem ihm 2014 der Doktortitel verliehen wurde, arbeitete Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons bis 2025 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Interview: Wiebke Pförter, 23.04.2026
