(v.r.n.l.) Dr. Jenny Linek (Gleichstellungsbeauftragte), Isabell Sperke (Preisträgerin), Prof. Dr. Katharina Riedel (Rektorin), © Jan Meßerschmidt
Zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung trafen sich im April 1990 auf dem Ost-West-Frauenkongress Aktivistinnen aus Ost- und Westdeutschland, um sich über Themen wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Freiheit auszutauschen. Aber: Meinten damit alle das Gleiche? In ihrer Abschlussarbeit, die mit dem Genderpreis der Universität Greifswald 2025 ausgezeichnet wurde, zeigt Isabell Sperke, wie unterschiedliche Perspektiven und Sozialisierung aufeinanderprallten – und dass der Kongress, trotz der großen Unterschiede, einen wichtigen Raum für Begegnung und produktives Miteinander eröffnete.
Isabell Sperke, Sie haben Ihre Abschlussarbeit im Fach Geschichte über weibliche Rollen im deutsch-deutschen Wiedervereinigungsprozess geschrieben. Was wollten Sie erarbeiten?
Meine Hauptforschungsfrage war, wie die sozioökonomischen und soziokulturellen Hintergründe der Frauen aus Ost- und Westdeutschland den Austausch auf dem ersten Ost-West-Frauenkongress 1990 beeinflusst haben. Ich untersuchte, welche Themen auf dem Kongress behandelt wurden und wie diese in der DDR und der BRD nach den vielen Jahren der Teilung reflektiert wurden. Dabei zeigte sich, dass es weder eine einheitliche Ost- noch eine einheitliche Westbewegung gab. Im Osten können wir von einer staatlich gelenkten Gleichstellungspolitik sprechen, einer „Emanzipation von oben“, die auch maßgeblich von Frauen vorangetrieben wurde. Eine unabhängige Frauenbewegung konnte sich aufgrund der politischen Rahmenbedingungen jedoch erst in den letzten Monaten der DDR herausbilden. In der BRD gab es hingegen viele verschiedene Strömungen, die unterschiedlich über Themen wie Mutterschaft dachten.
Auf welches Material haben Sie sich für Ihre Untersuchung gestützt?
Zum einen auf das Buch „Von Muttis und Emanzen: Feminismus in Ost- und Westdeutschland“ von Helwerth und Schwarz, an dem sich auch mein Arbeitstitel orientiert. Es wurde 1995 von zwei Journalistinnen aus dem Osten und dem Westen veröffentlicht, die beide am Kongress teilgenommen hatten und sich danach die Frage stellten: Wie können wir ein bisschen mehr aufeinander zugehen? Zum anderen waren Berichte, Protokolle und Briefe von Teilnehmerinnen des ersten Ost-West-Frauenkongresses aus dem Bestand der „GrauZone“, dem Archiv der DDR-Opposition in Berlin, eine wesentliche Quelle.
Seit 10 Jahren verleihen das Rektorat und die Zentrale Gleichstellung jährlich den Genderpreis der Uni Greifswald, der mit 500 Euro dotiert ist. Gewürdigt werden exzellente wissenschaftliche oder künstlerische Abschlussarbeiten, die die Geschlechterperspektive in besonderer Weise berücksichtigen und zur Geschlechterforschung beitragen.
Welche Themen standen auf dem ersten Ost-West-Frauenkongress auf der Agenda?
Es wurde über Themen wie Mutterschaft, Erwerbstätigkeit, körperliche Selbstbestimmung und auch den Umgang mit geschlechterbezogener Gewalt gesprochen. Für die Frauen aus dem Osten war vor allem der selbstbestimmte Zugang zur Erwerbstätigkeit der wichtigste Schritt zur Gleichberechtigung. Die BRD-Frauen sahen darin allein noch keinen Indikator für Gleichberechtigung und verwiesen auf das Problem der Teilzeitarbeit und die unausgeglichene Care-Arbeit innerhalb der Familie. Man kann außerdem sagen, dass die teilnehmenden Frauen aus der BRD die strukturellen Dimensionen von geschlechterbezogener Diskriminierung heraushoben, während die Frauen der DDR diese als eher individuelles Problem wahrnahmen. Interessanterweise verwendeten Ost und West auf diesem Kongress die gleichen Begriffe, meinten aber oft unterschiedliche Dinge. Deshalb missverstand man sich.
Wenn Sie Ihre wichtigsten Ergebnisse verdichten müssten – welche wären das?
Die sozioökonomischen und soziokulturellen Hintergründe prägten stark, wie Frauen aus BRD und DDR über Emanzipation und Gleichberechtigung dachten – was erklärt, warum es so viele Konflikte auf dem Kongress gab, trotz hoher Erwartungen an die Zusammenarbeit. Wenn wir in den Austausch gehen, nicht nur in Bezug auf Gleichberechtigung, ist es daher wichtig, die sozialen Hintergründe des Gegenübers zu berücksichtigen, weil sie Meinung und Argumentation beeinflussen. Wenn ich nicht verstehe, dass wir aneinander vorbei reden und unterschiedliche Dinge mit denselben Begriffen meinen, kommt man zu keinem Ergebnis. Erst wenn ich das reflektiere, kann ich auch Lösungen finden und eine Zusammenarbeit fördern.
Was hat Sie bei Ihren Ergebnissen selbst am meisten überrascht?
Was mich besonders überrascht hat, lag in der Beschäftigung mit meiner eigenen Biografie. Ich habe vor der Arbeit vor allem gesehen, dass meine Vorstellung von Gleichberechtigung durchaus östlich geprägt war, denn ich bin in der Nähe von Cottbus geboren. Das Erlernen und Ausüben eines Berufs war immer ein wichtiger Punkt in Bezug auf die eigene und vielleicht auch auf die weibliche Unabhängigkeit. Was ich nach meinem Forschungsprozess nun noch viel deutlicher erkennen kann – und was vielleicht auch immer wieder ein Konfliktpunkt zwischen mir und meinen Eltern war –, ist, dass ich eben auch westlich geprägt bin. Ich bin nach der Wende geboren und in der BRD aufgewachsen und konnte mich, gerade durch Vernetzung und demokratische Strukturen, früh in meiner Jugend mit diesen Themen auseinandersetzen und eher systemkritisches Denken ausbilden.
Welche Lehren aus Ihrer Studie halten Sie für besonders wichtig, gerade auch mit Blick auf das Lehramt?
Ich arbeite an einem Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern und merke, dass nicht alle, aber viele Kinder auch nach 35 Jahren Wiedervereinigung östlich geprägt sind und ihre Vorstellung von Identität an den Osten binden. Ich finde es wichtig, das zu beachten und dem auch Raum zu geben – aber eben auch zu hinterfragen. Geschichte soll ja genau das tun: Sichtweisen erkennen, dekonstruieren und sich mit verschiedenen Perspektiven auseinandersetzen. Auch die Geschlechtszugehörigkeit prägt die Perspektive, aus der heraus über Geschichte in der Vergangenheit und Gegenwart berichtet wird. Deswegen gehören geschlechterbezogene Themen in den Unterricht und sollten in Rahmenplänen und Lehrbüchern, aber auch ganz generell im Schulalltag, gern noch mehr mitgedacht werden.
Wie kam Ihnen eigentlich die Idee zu Ihrer Abschlussarbeit?
Ich habe in meinem Studium wenig zu Emanzipation und Gleichberechtigung gemacht, was im Widerspruch zu meinem recht engagierten Umfeld stand. Da mir das Thema am Herzen liegt, habe ich mich in die Thematik eingelesen und bin auf einen Artikel zum ersten Ost-West-Frauenkongress gestoßen. Dieser klang interessant, da Frauen aus DDR und BRD hier erstmals in den Austausch traten. Bei weiterer Recherche fand ich jedoch wenig dazu, obwohl der Kongress mir so bedeutend erschien – ein Widerspruch, der mich veranlasst hat, tiefer einzusteigen.
Haben Sie einen Tipp für das Finden von Themen im Bereich genderbezogene Abschlussarbeiten?
An sich findet sich in jedem Thema der Geschichte sicherlich ein guter Anknüpfungspunkt für geschlechterkritische Forschung. Ich kann auf jeden Fall empfehlen, einfach mal beim Digitalen Deutschen Frauenarchiv durch- oder querzulesen oder sich mit den Forschungsthemen von Professor*innen zu beschäftigen. Meistens finden sich hierzu gute Übersichten auf den Seiten der Unis der einzelnen Lehrstühle. Eventuell gibt es hier auch schon erste Gender-Studien in Bereichen, die von Interesse sind oder man erweitert bereits bestehenden Forschungsthemen um eine kritische Geschlechterperspektive.
Isabell Sperke studierte von 2018 bis 2025 Geschichte und Geografie auf Lehramt in Greifswald. Im Dezember 2025 erhielt sie die Auszeichnung für ihre Abschlussarbeit im Rahmen der Ersten Staatsexamensprüfung für das Lehramt an Gymnasien im Fach Geschichte, die von Prof. Dr. Annelie Ramsbrock betreut wurde. Ihre Arbeit trägt den Titel „Von ‚Muttis‘ und ‚Emanzen‘ – weibliche Rollen im deutsch-deutschen Wiedervereinigungsprozess“. Derzeit absolviert sie ihr Referendariat an einem Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern.
Interview: Fiona Schmidt, 16.04.2026
