Uni & Gesellschaft

Ein Blick hinter Türen, die sonst geschlossen bleiben

Das Foto zeigt eine junge, braunhaarige Frau, die mit einem bereiten Lächeln in die Kamera schaut. Sie trägt ein weißes Oberteil und darüber eine rote Jacke. Im Hintergrund ist ein historisches Denkmal zu sehen, mehrere Bäume und klarer, blauer Himmel.

Sandra Schlupkothen ist studentische Führerin für die Kustodie

Hinter den Kulissen historischer Universitäten verbirgt sich ein oft wenig bekannter Bereich: die Kustodie. Sie ist dafür zuständig, historische Sammlungen zu bewahren und zu pflegen. Auch an der Universität Greifswald übernimmt diese Aufgabe eine eigene Kustodie – und sorgt gleichzeitig dafür, die museale Sammlung für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Dazu bietet sie jährlich von April bis Oktober täglich um 15 Uhr Führungen für alle Interessierten an. Sandra Schlupkothen gibt uns im Interview einen kleinen Vorgeschmack.

Wie läuft eine typische Führung bei dir ab?

Wir haben ganz unterschiedliche Führungen, aber die klassische öffentliche Führung dauert ungefähr 45 Minuten. Wir treffen uns am Rubenow-Denkmal, wobei ich meistens schon vorher da bin, um mich vorzubereiten. Um 15 Uhr hole ich dann die Gruppe ab und erzähle zuerst etwas über die Gründungsgeschichte der Universität, das Rubenow-Denkmal und die Figuren darauf. Das mache ich immer ein bisschen abhängig davon, was das für eine Gruppe ist und wofür sie sich interessiert. Bei Schulklassen versuche ich beispielsweise, es ein wenig kürzer zu halten, weil dieser Teil für sie meistens weniger spannend ist.

Danach gehen wir in die Aula, wo ich etwas über den Raum, die Bilder und die Universitätsgeschichte erzähle. Ich habe natürlich so Standardgeschichten und Informationen, aber je nachdem, welche Fragen kommen oder was die Menschen interessiert, entwickelt sich das Gespräch auch oft in unterschiedliche Richtungen.

Zum Schluss gehen wir dann noch in den Karzer, was eigentlich immer ein Highlight ist. Da habe ich allerdings häufig das Problem, dass es einfach so viele interessante Geschichten gibt, dass ich die 45 Minuten manchmal gar nicht einhalten kann.

Das Foto zeigt einen Raum, an dem die Wände mit zahlreichen Zeichnungen übersäht sind. An einer der Wände steht ein alter Holztisch und ein Stuhl. An den Wänden stechen vor allem schwarze Zeichnungen hervor, die das vereinfachte Seitenprofil von Männern zeigen.
Studentischer Karzer der Universität Greifswald
Der Karzer

Als Karzer wird die Arrestzelle an Universitäten bezeichnet, in dem Studenten bis Anfang des 20. Jahrhunderts für Verstöße gegen die Universitätsordnung bestraft wurden.

Warum sollten Studierende unbedingt mal an einer Führung teilnehmen?

Ich glaube, ganz viele Studierende wissen gar nicht, was unsere Stadt und auch unsere Universität eigentlich für eine spannende Geschichte hat. Wir sind eine sehr alte Universität und das wissen viele auch. Aber was dahintersteckt, was hier alles passiert ist und welche bekannten Persönlichkeiten hier schon waren, das wissen die meisten nicht. In den Führungen geht es auch nicht nur um trockene Jahreszahlen oder Fakten, sondern um Geschichten – also eher viele kleine Erzählungen aus verschiedenen Zeiten der Universität und von Studenten früher. Deswegen ist das, glaube ich, auch für Menschen interessant, die eigentlich gar nicht so geschichtsinteressiert sind.
Viele haben vielleicht auch ein falsches Bild von historischen Führungen und denken, das wäre langweilig oder wie Geschichtsunterricht. Aber wenn die Führung interaktiv gestaltet und viel auf Fragen eingegangen wird, kann das echt Spaß machen.

Was ist dein persönliches Highlight während einer Führung?

Mein persönliches Highlight ist tatsächlich der Karzer. Der ist sehr besonders und ich glaube, für viele Teilnehmende ist das auch der spannendste Teil der Führung. Besonders interessant finde ich die Geschichten über die Studenten, die dort früher eingesessen haben. Wir wissen ziemlich genau, wer dort einsaß, warum er dort war und was er an die Wand gemalt hat. Zum Beispiel gibt es eine Geschichte zu dem Studenten „Bubi“ und wenn man erfährt, was der damals gemacht hat und warum er im Karzer gelandet ist, dann wird die Geschichte plötzlich sehr persönlich. Es ist schon interessant zu sehen, womit sich Studenten vor 100 Jahren beschäftigt haben und was für Probleme oder Geschichten sie hatten.
Und allein schon für den Karzer lohnt sich die Führung eigentlich, weil es in Deutschland gar nicht
mehr so viele Karzer gibt und es schon etwas Besonderes ist, dass unsere Universität noch einen hat.

Wusstest du, bevor du den Job bei der Kustodie angefangen hast, dass es sie gibt?

Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Ich hatte vorher noch nie von der Kustodie gehört und wusste ehrlich gesagt auch gar nicht, was eine Kustodie überhaupt ist oder macht. Mir war auch nicht bewusst, dass die Universität diese Art von Führungen anbietet. Ich hatte zwar mal auf dem Marktplatz Menschen gesehen, die Stadtführungen machen, aber ich habe das nie mit der Universität in Verbindung gebracht. Erst als ich die Stellenausschreibung gesehen habe, habe ich mich überhaupt damit beschäftigt. Als ich dann begonnen habe, selbst Führungen zu geben, habe ich bemerkt, dass wohl viele Studierende von dem Angebot der Kustodie nicht wissen. Die meisten Menschen, die an den Führungen teilnehmen, sind Senior*innen, ehemalige Universitätsangehörige und Schulklassen.

Gibt es einen Funfact oder eine Lieblingsgeschichte, die du noch erzählen möchtest?

Eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Karzer ist die Geschichte von „Bubi“. Bubi hieß eigentlich Karl und war Medizinstudent hier an der Universität Anfang des 20. Jahrhunderts. Karl ist bei uns im Karzer ziemlich bekannt, weil er einer der Studenten war, die am häufigsten im Karzer saßen. Insgesamt neun Mal – und außerdem war er einer der größten „Künstler“ dort, weil er sehr viele Zeichnungen an die Wände gemalt hat.
Einmal ist er zum Beispiel in den Karzer gekommen, weil er sich in eine Schauspielerin aus dem Theater verliebt hatte. Er ist dann mit einem Freund in eine Vorstellung gegangen, aber der Freund fand die Schauspielerin plötzlich auch toll. Die beiden haben sich dann im Theater gestritten und am Ende wohl auch geprügelt. Da man damals schon für relativ kleine Vergehen in den Karzer kam, vor allem wenn man sich in der Öffentlichkeit schlecht benommen hat und damit die Universität in ein schlechtes Licht gerückt hat, mussten die beiden danach ebenfalls dorthin.
Damals hingen Listen aus, auf denen stand, wer wann in den Karzer musste. Bubi hat gesehen, dass er vor seinem Freund Schönrock dran sein würde und hat ihm dann quasi eine Nachricht im Karzer hinterlassen – in Form von Zeichnungen und Bildern an der Wand. Unter anderem hat er natürlich seine Angebetete gemalt, weil er generell sehr gerne Frauen gezeichnet hat, aber auch eine persönliche Nachricht für seinen Freund hinterlassen. Diese Zeichnungen kann man heute noch sehen.

Solche Geschichten gibt es im Karzer viele. Man kann dort nicht nur Bilder anschauen, sondern auch einzelne Studentenschicksale und Geschichten entdecken. Besonders lustig ist auch, dass viele Studenten damals unbedingt in den Karzer wollten. Es gab teilweise sogar Wartelisten, weil der Karzer für viele eher als Auszeit vom Studium oder eine Art Abenteuer gesehen wurde. Auch die Geschichten dazu, wie sie absichtlich in den Karzer gekommen sind und was sie dort gemacht haben, sind ziemlich spannend.

Interesse geweckt?

Seit Anfang April bietet die Kustodie wieder täglich um 15 Uhr Führungen an. Zusätzlich bietet die Kustodie acht thematische Gruppenführungen sowie eine Kooperationsführung mit der Stadt Greifswald an. Jeden Tag im Jahr, Montag bis Sonntag, können diese Gruppenführungen zwischen 8 und 22 Uhr stattfinden. Führungen finden ab einer Person bis zu 20 Personen pro Gruppe statt. Je nach Führung können mehrere Gruppen zeitgleich geführt werden.
Weitere Informationen zur Führung finden Sie auf der Informationsseite der Kustodie.

Du findest die Geschichte unserer Uni so spannend, dass du lieber selbst die Führung geben möchtest, als nur zu zuhören? Dann bewirb dich jetzt mit einer Initiativbewerbung bei der Kustodie!

Interview: Wiebke Pförter, 21.05.2026
Fotos: Yasmin-Coralie Berg

Thematisch passende Beiträge
Uni & Gesellschaft

„Wenn Wahrheit zur Machtfrage wird, ist alles möglich“: Warum die Wissenschaftsfreiheit uns alle angeht

Uni & Gesellschaft

Von ‚Muttis‘ und ‚Emanzen‘ – verschiedene Perspektiven nach der Wende

Uni & Gesellschaft

Ein klangvoller Start ins Jahr: Universitätsmusik begeistert mit Mendelssohns „ELIAS“

Uni & Gesellschaft

Wikingergold und die Politik der Schätze