Didaktisches Material des Kompetenzzentrums für Niederdeutschdidaktik wird begutachtet,
© Antje Köpnick
Wie eine Reise nach Brasilien 2025 eine neue universitäre Partnerschaft begründete – und warum sich ein Auslandsaufenthalt unbedingt lohnt.
Zehn Tage, zwei brasilianische Bundesstaaten, unzählige Begegnungen – und mittendrin: Niederdeutsch, eigentlich die Regionalsprache Norddeutschlands! Im März 2025 reiste das Team des Kompetenzzentrums für Niederdeutschdidaktik (KND) der Universität Greifswald, bestehend aus Prof. Dr. Birte Arendt sowie ihren Mitarbeiterinnen Ulrike Stern und Antje Köpnick, nach Brasilien, um mit dortigen Kolleg*innen an einer Sprache zu arbeiten, die auf beiden Seiten des Atlantiks lebendig ist: hier das mecklenburgisch-vorpommersche Niederdeutsch und dort das Pomerano, eine ostniederdeutsche Varietät. Diese brachten pommersche Auswander*innen im 19. Jahrhundert über den Ozean, wo sie heute noch immer von rund 250.000 Menschen in Brasilien gesprochen, in Familien weitergegeben und an Schulen gelehrt wird.
Wer an Brasilien denkt, hat oft Rio oder den Amazonas im Kopf – die Realität in den beiden Bundesstaaten Espírito Santo und Rio Grande do Sul überraschte das Team auf angenehme Weise anders. Statt Millionenmetropole: grüne, hügelige Landschaften, in denen Fachwerkhäuser und Kirchtürme fast wie im Vorpommern der Auswandererzeit wirken, nur unter tropischer Sonne und mit Kaffeefeldern am Straßenrand. Die Gastfreundschaft war von der offiziellen Begrüßung durch den Rektor der Universidade Federal do Espírito Santo (UFES) bis zum improvisierten Kaffee immer überwältigend herzlich und vor allem ein Gefühl blieb hängen: dass Sprache, Herkunft und Zugehörigkeit auch nach 150 Jahren und über 9.000 Kilometer hinweg nicht verblassen müssen.
Eine der Antworten auf die oft gestellte Frage, warum man eigentlich heute Plattdeutsch lernen solle, fand das KND-Team in Brasilien: „Weil du ans andere Ende der Welt fliegen und dort mit etwa 250.000 Menschen sprechen kannst, weil du einzigartige Zeugnisse der bewegten Vergangenheit lesen und ergründen kannst, weil unsere Kultur und Sprache uns sogar weltweit verbindet!“ Sprachen öffnen Türen und Herzen, das durfte das Team auf seiner Reise eindrücklich erleben.
Miteinander forschen: gewachsene Beziehungen
Die Verbindungen der Universität Greifswald nach Brasilien sind vielfältig und haben Tradition. Seit Jahren gehört dazu auch die Niederdeutschforschung: Schon seit 2019 arbeiten immer wieder brasilianische Gastwissenschaftler*innen mehrerer Universitäten mit unterschiedlichen Schwerpunkten am Pommerschen Wörterbuch und am KND in Greifswald. Ihr Engagement gilt der Erforschung, der Kooffizialisierung und der Vermittlung des Pomerano in brasilianischen Schulen. Über die Jahre luden sie das Greifswalder Team immer wieder ein, sich selbst ein Bild davon zu machen – und im März 2025 war es endlich so weit.
Warum Brasilien? Weil dort, fernab Norddeutschlands, eine deutsche Regionalsprache im Alltag von Familien und Schulen weiterlebt – ein einzigartiges Forschungsfeld und zugleich ein Beweis dafür, wie sehr Sprache verbindet, auch über Kontinente hinweg.
Erste Station: Espírito Santo und Anbahnung der Kooperation
Die Reise begann im Bundesstaat Espírito Santo, nördlich von São Paulo, direkt am Atlantik. An der Universidade Federal do Espírito Santo (UFES) in Vitória wurde die Greifswalder Delegation vom Rektor der Universität und zahlreichen Mitarbeiter*innen unterschiedlicher Institute sowie lokaler Vereine offiziell empfangen. Warum ausgerechnet die UFES? Weil hier die universitäre Forschung in unmittelbarer Nähe zu Ortschaften mit einer lebendigen Pomerano-Kultur stattfinden kann.
Miteinander lehren und lernen: Eintauchen in den Schulalltag
Was folgte, waren mehrere Stationen in der Region mit zahlreichen Kontakten und Veranstaltungen. In einem Workshop mit brasilianischen Lehrkräften beispielsweise stellte das KND-Team seine didaktischen Materialien, niederdeutsche Kinderliteratur und Konzepte zur Digitalisierung der Niederdeutschvermittlung vor. Bei weiteren Schulbesuchen erlebte das Team, wie lebendig das Pomerano als Familiensprache tatsächlich ist und hospitierte im Pomerano-Unterricht an Schulen. Gesang, Tanz, Theater und pommersches Essen gehörten zu einer ganztägigen Veranstaltung im „Waiandts Huus“, einem Begegnungszentrum und Freilichtmuseum der pommerschen Kultur. Ein besonderer Moment war der Besuch bei Familie Boldt in Belém, die ihr Haus und ein kleines Museum zur pommerschen Einwanderung öffnete – ergänzt um einen Ausflug zur ältesten evangelisch-lutherischen Kirche der Region und zu Friedhöfen mit deutschen und pommerschen Inschriften. Die Verständigung erfolgte dabei ganz selbstverständlich auf Niederdeutsch und genauso selbstverständlich bewegen sich ansässige Brasilianer*innen zwei- und dreisprachig durch den Alltag.
Nach fünf Tagen folgte die nächste Station im südlichsten brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul: ein Vortrag vor Deutschstudierenden und Dozierenden in Porto Alegre. Anschließend ging es ins vier Stunden entfernte Pelotas, nahe der Grenze zu Uruguay. Dort, in einem ehemaligen Schlachthaus, das heute die geisteswissenschaftliche Fakultät der Universidade Federal de Pelotas (UFPEL) beherbergt, begeisterte das Team viele Deutschstudierende für die Arbeit des KND, diskutierte Forschungsfragen mit Kolleg*innen und schmiedete Zukunftspläne. Auch hier: Schulkontakte in der Region und ein großer Workshop mit über 30 Pomerano-Lehrkräften, die ihrerseits eigene Materialien vorstellten.
Was die Kontakte für Greifswald bedeuten
Aus den Gesprächen vor Ort entstand eine Vereinbarung mit der UFES in Vitória, die Substanz hat: eine Kooperation, die den fachlichen und personellen Austausch ermöglichen soll, z.B. gemeinsame Forschungsprojekte oder Gastaufenthalte für Lehrende und Studierende. So können Austauschsemester und Praktika in einem Umfeld stattfinden, das deutsche Sprachgeschichte im gelebten Alltag zeigt. Besonders naheliegend ist ein Austausch für Studierende der Germanistik und des Niederdeutschen sowie für angehende Lehrkräfte, die Mehrsprachigkeit und Spracherhalt hautnah erforschen möchten. Aber auch Studierenden der Kultur- und Geschichtswissenschaften, die sich für Migrationsgeschichte interessieren, sowie zahlreicher weiterer Fächer bietet der brasilianische Bundestaat Espírito Santo mit der UFES ein faszinierendes Feld. Wer selbst Lust bekommen hat, die Welt zu entdecken oder sein Fach am brasilianischen Atlantik zu studieren: Ein Blick ins International Office lohnt sich – vielleicht ist die nächste Reise nach Brasilien schon die eigene.
Wer Interesse an einem Austauschsemester an der UFES hat, kann sich bis zum 15. Dezember auf einen Platz im Wintersemester 2027/2028 im International Office bewerben.
Zur Planung des Auslandsaufenthalts bietet das International Office online im Oktober, November und Dezember Erstberatungstermine an. Darüber hinaus können sich interessierte Studierende zu den Sprechzeiten mit konkreten Fragen ans International Office wenden.
Ein Bericht von Prof. Dr. Birte Arendt, Ulrike Stern & Antje Köpnick, 07.10.2026
Fotos: Antje Köpnick
