© Universitätsarchiv
Als Gertrud Roegner am 21. April 1906 ihre Promotionsurkunde entgegennimmt, schreibt sie Universitätsgeschichte. Mit 32 Jahren ist sie die erste Frau, die an der Universität Greifswald promoviert wird. Hinter ihr liegen Jahre voller Umwege, Sondergenehmigungen und Beharrlichkeit – in einer akademischen Welt, die Frauen eigentlich keinen Platz zugedacht hat. Während in den Hörsälen fast ausschließlich Männer sitzen, verfolgt Roegner unbeirrt ihr Ziel. Als Pionierin ebnet sie vielen Frauen den Weg an die Universität Greifswald.
Geboren wird Gertrud Roegner am 15. Juni 1873 im schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnica. Als Tochter eines Kaufmanns wächst sie in einfachen Verhältnissen auf. Zunächst entscheidet sie sich für einen damals typischen Frauenberuf: 1892 legt sie die Prüfungen als Handarbeits- und Turnlehrerin ab und arbeitet mehrere Jahre im Schuldienst.
Doch der Wunsch, Medizin zu studieren, lässt sie nicht los. 1896 trifft sie eine ungewöhnliche und mutige Entscheidung: Sie gibt ihren sicheren Beruf auf und beginnt noch einmal von vorn. Dafür muss sie zunächst das Abitur nachholen – eine Hürde, die für Frauen um 1900 alles andere als selbstverständlich ist. Da Frauen vielerorts keine regulären Gymnasien besuchen dürfen, lernt Roegner an verschiedenen Orten: am Berliner Mädchengymnasium, in den Gymnasialkursen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Leipzig sowie im Privatunterricht. 1901 legt sie schließlich im Alter von 27 Jahren ihr Abitur am Königlichen Gymnasium in Jauer ab.
Studieren gegen den Zeitgeist
Doch um 1900 sind auch die Universitäten fast ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen dürfen meist nur als Gasthörerinnen einzelne Vorlesungen besuchen und sind auf Ausnahmegenehmigungen und das Wohlwollen einzelner Professoren angewiesen. Viele wechseln mehrfach den Studienort, weil Regeln und Zulassungen je nach Universität unterschiedlich ausfallen. Auch Roegner nimmt diesen Hindernislauf auf sich. Sie beginnt ihr Medizinstudium in Halle, studiert anschließend in Göttingen und Breslau und entscheidet sich schließlich für Greifswald.
Die Universität Greifswald gilt zu dieser Zeit als traditionsreich und wissenschaftlich angesehen, zugleich aber als gesellschaftlich konservativ. Im Wintersemester 1895/96 dürfen erstmalig sechs Lehrerinnen einzelne Vorlesungen in Geographie, Geschichte, Romanistik und Anglistik besuchen – allerdings ohne die Rechte regulärer Studierender. Erst ein Erlass des preußischen Ministeriums vom 18. August 1908 ermöglicht Frauen die offizielle Immatrikulation. Nach 452 Jahren ihres Bestehens nimmt die Universität Greifswald zum Wintersemester 1908/09 ihre ersten fünf regulär eingeschriebenen Studentinnen auf. Zu diesem Zeitpunkt hat Roegner ihre Promotion bereits abgeschlossen.
Warum Roegner sich für Greifswald entscheidet, ist nicht bekannt. Erhalten ist jedoch ihre Anfrage an die Medizinische Fakultät vom 26. November 1903, die sie aus Breslau verschickt.
Die Antwort fällt positiv aus. Zu den Unterzeichnern gehören der Pathologe Prof. Dr. Paul Grawitz und der damalige Dekan Prof. Dr. Friedrich Loeffler. Im Herbst 1905 legt Roegner ihr Staatsexamen ab und meldet sich anschließend zum Promotionskolloquium an.
Eine seltene Tumorerkrankung als Forschungsthema
Für ihre Dissertation arbeitet Roegner am Pathologischen Institut der Universität Greifswald unter der Leitung von Prof. Dr. Paul Grawitz. Der Titel ihrer Arbeit klingt heute sperrig: „Ein Enterokystom des Mesenteriums und Netzes“. Darin beschäftigt sie sich mit einem äußerst seltenen Tumor im Bauchraum einer 69-jährigen Patientin.
Abbildungen aus der Dissertation von Gertrud Roegner, © Universitätsarchiv
Roegner analysiert das Gewebe mikroskopisch und entdeckt Zellen, die eigentlich nur im Darm vorkommen. Daraus zieht sie einen damals bemerkenswerten Schluss: Der Tumor könnte aus fehlplatziertem embryonalem Gewebe entstanden sein. Die Arbeit liefert damit einen frühen Beitrag zu der Erkenntnis, dass manche Tumoren ihren Ursprung bereits in Entwicklungsstörungen vor der Geburt haben. Ihr Doktorvater Grawitz bescheinigt ihr herausragende wissenschaftliche Leistungen. Besonders hebt er ihren Fleiß, ihre technische Präzision und ihre selbstständige Arbeitsweise hervor. Zudem würdigt er, dass die Ergebnisse etablierte Fachmeinungen der Zeit infrage stellen. Die Medizinische Fakultät bewertet die Dissertation schließlich mit der Bestnote „magna cum laude“.
Promotionsurkunde und Abstimmung über die Benotung der Dissertation von Gertrud Roegner, © Universitätsarchiv
Noch im selben Jahr promoviert mit Maria Ballien die zweite Frau an der Universität Greifswald – ebenfalls Medizinerin und eine Mitstudentin Roegners. Dennoch bleiben promovierte Frauen zunächst die Ausnahme. Wissenschaftliche Karrieren oberhalb der Promotion sind weiterhin fast ausschließlich Männern vorbehalten: Die erste Habilitation einer Frau in Greifswald erfolgt erst 1924.
Ärztin mit sozialem Engagement
Nach ihrer Promotion arbeitet Gertrud Roegner als Ärztin, vor allem in der Psychiatrie. Während des Ersten Weltkriegs ist sie außerdem in einem Verwundeten- und Seuchenlazarett tätig. Neun Jahre lang wirkt sie zudem als Badeärztin im schlesischen Kurort Landeck, dem heutigen Lądek-Zdrój.
Besonders am Herzen liegt ihr jedoch ein sozialmedizinisches Projekt: ein Sanatorium für „minderbemittelte Frauen gebildeter Stände“. Die Einrichtung eröffnet 1919 im heutigen Szklarska Poręba. Sie bietet Frauen mit geringem Einkommen medizinische Erholung und Behandlung – teilweise kostenlos. Zeitweise zählt der Trägerverein rund 1500 Mitglieder. Dennoch bleibt die finanzielle Lage schwierig. 1922 muss Roegner die Leitung des Sanatoriums aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Sie stirbt am 7. März 1923 im Alter von nur 49 Jahren in einem Notquartier.
© The Zemplén Museum
Gertrud Roegners Promotion markiert einen Meilenstein in der Geschichte der Universität Greifswald. Was 1906 mit einer mutigen und entschlossenen Frau begann, ist heute selbstverständlich: Frauen prägen Forschung, Lehre und Studium in allen Fakultäten. Roegners Geschichte zeigt, wie viel Beharrlichkeit hinter diesem Wandel steht – und wie einzelne Lebenswege Universitätsgeschichte verändern können.
Text: Julia Lammertz, 20.07.2026
