Studium & Lehre

Was Wissenschaft vom Austausch gewinnt

Eine Professorin erklärt an einer weißen Tafel den Seminarinhalt, während sie gestikuliert

Karen Adkins ist DAAD-Gastprofessorin, © Anne Junia Ziemann/UG

Wie eine Gastprofessur den Blick verändert

Wie fühlt sich eine amerikanische Philosophin in Greifswald? Für Prof. Dr. Karen Adkins lautet die Antwort: überraschend schnell zuhause. Die DAAD-Gastprofessorin aus Denver schätzt die kurzen Wege, den Wochenmarkt und die Gespräche mit Studierenden aus ganz Europa. Doch ihr Aufenthalt ist weit mehr als ein Ortswechsel – er verändert auch ihre Forschung und ihre Lehre.

Seit März ist Karen Adkins als DAAD-Gastprofessorin an der Universität Greifswald. Bis August unterrichtet und prüft die Philosophin von der Regis University in Denver Seminare in den Bereichen American Cultural Studies und Gender Studies. Den Ausschlag für ihre Bewerbung gab die langjährige Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Katrin Horn. Beide beschäftigen sich wissenschaftlich mit Fragen rund um Wissen, gesellschaftliche Machtstrukturen und Gossip – also der Frage, wie Informationen außerhalb offizieller Kanäle entstehen und weitergegeben werden.

„Ich glaube an kulturellen Austausch“, sagt Karen Adkins. Genau diese Überzeugung habe sie nach Greifswald geführt. Als Studentin in den USA sei ein längerer Auslandsaufenthalt für sie finanziell kaum möglich gewesen. Umso mehr genießt sie nun die Gelegenheit, mehrere Monate in Deutschland zu leben und zu lehren.

Dabei begeistert sie nicht nur die Universität, sondern auch die Stadt selbst. Besonders schätzt sie, dass sich der Alltag in Greifswald zu Fuß abspielt. Menschen begegnen sich auf dem Marktplatz, kaufen auf dem Wochenmarkt ein oder treffen ihre Nachbar*innen ganz selbstverständlich. Im Vergleich zu vielen amerikanischen Städten, in denen das Auto den Alltag bestimmt, empfindet sie diese Nähe als „etwas sehr Menschliches“. Auch die Geschichte der Universitäts- und Hansestadt beeindruckt sie: Zwischen jahrhundertealten Gebäuden zu lehren und zu forschen sei eine besondere Erfahrung.

Philosophie mit Bezug zur Gegenwart

In ihren Seminaren geht es um Fragen, die aktueller kaum sein könnten: Wie entstehen Machtstrukturen? Warum gelten manche Erfahrungen als glaubwürdig und andere nicht? Und was verraten unterdrückte Wissensformen über unsere Gesellschaft? Für Adkins sind das keine abstrakten philosophischen Überlegungen, sondern Themen, die den Alltag vieler Menschen unmittelbar betreffen.

In einem Seminar zur amerikanischen Geschichte verbindet sie historische Revolutionen mit aktuellen politischen Entwicklungen in den USA. Statt Geschichte als abgeschlossene Vergangenheit zu betrachten, nutzt sie sie als Werkzeug, um die Gegenwart besser zu verstehen. Ein anderes Seminar widmet sich feministischer Theorie und beschäftigt sich mit Geschlechterrollen, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Erwartungen. Im dritten Kurs geht es schließlich um eines ihrer zentralen Forschungsfelder: Gossip als Form sozialen Wissens – und darum, warum vermeintlich „inoffizielle“ Wissensformen häufig unterschätzt werden.

Dabei verfolgt Adkins einen klaren Anspruch: Wissenschaft soll nicht nur erklären, wie Gesellschaft funktioniert, sondern auch dazu beitragen, sie besser zu machen. Diese Haltung prägt nicht nur ihre Forschung, sondern auch ihre Lehre.

Lernen in beide Richtungen

Besonders positiv überrascht haben Adkins die Studierenden in Greifswald. Sie erlebt ihre Seminare als offen, diskussionsfreudig und international. Studierende aus verschiedenen europäischen Ländern bringen unterschiedliche Perspektiven mit – und genau diese Vielfalt bereichert für sie den wissenschaftlichen Austausch.

Auch die Unterschiede zwischen den Hochschulsystemen nimmt sie bewusst wahr. Während in den USA kontinuierliche Leistungsnachweise und Anwesenheitspflichten den Studienalltag prägen, arbeiten Studierende in Deutschland eigenständiger. Beide Systeme hätten ihre Vor- und Nachteile, sagt Adkins. In Greifswald entstünden viele Diskussionen gerade deshalb, weil Studierende freiwillig teilnehmen und sich aktiv einbringen möchten.

Forschung über den Hörsaal hinaus

Auch während ihres Aufenthalts setzt Adkins ihre Forschungsarbeit fort. Sie arbeitet an mehreren Buchprojekten und präsentiert ihre Forschung auf internationalen Konferenzen in München, Heidelberg und Krakau. Inhaltlich beschäftigt sie sich unter anderem mit feministischer Erkenntnistheorie, Emotionen wie Scham und Wut sowie sexueller Gewalt als institutionellem Problem. Einblicke in ihre Forschung gab Prof. Adkins auch in Greifswald, z.B. im Rahmen des Eröffnungsvortrags der IZfG-Ringvorlesung „Feministische Epistemologien. Wissen, Macht, Geschlecht“.

Dieses Verständnis prägt auch ihr Engagement außerhalb der Universität. Seit vielen Jahren engagiert sie sich im Vorstand von The Blue Bench in Denver, einer Organisation zur Prävention sexualisierter Gewalt und Unterstützung Betroffener. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe AFTERHOUR diskutierte sie während ihres Aufenthalts in Greifswald gemeinsam mit Silke Schnabel von der M.I.S.S. Fachberatungsstelle über den Umgang mit sexualisierter Gewalt in Deutschland und den USA.

Für Adkins gehören wissenschaftliche Analyse und gesellschaftliche Verantwortung zusammen. Forschung sollte nicht dabei stehen bleiben, Missstände zu beschreiben, sondern auch neue Perspektiven und mögliche Lösungswege aufzeigen.

Dass internationale Zusammenarbeit dabei eine zentrale Rolle spielt, steht für sie außer Frage. Der Austausch zwischen Forschenden, Studierenden und Universitäten eröffne neue Blickwinkel und helfe dabei, eigene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Diese Erfahrungen werde sie mit zurück in die USA nehmen – nicht zuletzt in ihre Lehre.

„Meine Lehrveranstaltungen werden nach dieser Zeit anders aussehen“, sagt Adkins. Genau darin sieht sie den größten Gewinn ihres Aufenthalts in Greifswald: Wissenschaftlicher Austausch verändert nicht nur den Ort, an dem man zu Gast ist – sondern auch die eigene Perspektive.

DAAD-Gastdozentenprogramm

Karen Adkins lehrt im Rahmen des Gastdozentenprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Universität Greifswald. Das Programm fördert Gastaufenthalte internationaler Hochschullehrer*innen an deutschen Hochschulen. Ziel ist es, die Internationalisierung der Hochschulen voranzubringen und internationale Perspektiven in Forschung und Lehre zu stärken.

Text: Anne Junia Ziemann, 22.07.2026

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