Portrait Prof. Dr. Simon Lentzsch, © Zan Vidmar Zorc/UG
Antike Geschichte ist weit mehr als Kriege, Gladiatoren und Kaiser. Im Interview führt uns Prof. Dr. Simon Lentzsch, Professor für Alte Geschichte an der Uni Greifswald, in eine Seite der Antike ein, in der es um kulturellen Austausch, Handelswege und Migration geht und um die Frage, warum ausgerechnet Südgallien noch immer viele Rätsel bereithält.
Hat Asterix Sie zur Römischen Republik geführt – oder kam die Leidenschaft später ganz ohne Zaubertrank?
Ja, Asterix war in meiner Kindheit schon ein gewisser Einfluss! Da steckt aus der Sicht des Historikers übrigens tatsächlich viel drin und ist immer wieder interessant gemacht. Ich habe mich aber auch sonst schon immer für Geschichte interessiert. Für alle möglichen Themen aus allen Epochen.
Dafür, dass ich dann seit dem Studium einen Schwerpunkt in der Römischen Republik habe, ist letztlich ein sehr interessantes Proseminar zu Julius Caesar und der späten Republik in meinem Grundstudium in Köln verantwortlich. Das hat sozusagen die Leidenschaft für dieses Thema richtig geweckt und ich habe seitdem immer gerne Vorlesungen und Seminare aus diesem Bereich besucht. Ich hoffe, die Studierenden hier in Greifswald finden diese und andere Themen dann ebenso spannend wie ich.
Aktuell arbeiten Sie an einem Forschungsprojekt zu Massalia (dem heutigen Marseille), das im damaligen Südgallien gelegen war. In Ihrer Arbeit bezeichnen Sie die Region als „bedeutende Kontaktzone zwischen dem Mittelmeerraum, Nordwest- und Mitteleuropa sowie der Iberischen und der Italischen Halbinsel.“ Was bedeutet das und wie kann es sein, dass die Region in diesem Kontext dennoch kaum erforscht ist?
Grundsätzlich wollte ich damit darauf hinweisen, dass in Südfrankreich über die gesamte Zeit der Antike verschiedene Gruppen wie Kelten, Ligurer, Etrusker, Griechen und Römer über Jahrhunderte hinweg immer wieder in engen Kontakt zueinander traten. Die Art dieser Kontakte war dabei natürlich sehr unterschiedlich, wir dürfen uns das keineswegs nur friedlich vorstellen – aber eben auch nicht nur als Abfolge von Kriegen und Eroberungen. Die Komplexität dieser Kontakte möchte ich gerne rekonstruieren, auch die Bedeutung von Handelsrouten, die von Südgallien bis zu den Britischen Inseln, dem Rhein- und Donauraum und zumindest indirekt auch bis in die Ostseeregion reichten.
Relativ wenig erforscht ist das alles, weil es hierzu nur wenige Schriftquellen gibt. Um mehr darüber herauszufinden, müssen also viele verschiedene Teilergebnisse auch aus anderen Fächern wie der Archäologie, der Keltologie oder Historischer Geographie zusammengefügt werden. Das macht das ganze Unternehmen herausfordernd, aber aus meiner Sicht auch spannend. Hier ist noch viel zu tun.
Was bedeutete das Leben in so einer „Kontaktzone“ konkret für den Alltag der Menschen?
Das bedeutete vor allem im regelmäßigen und intensiven Kontakt mit Menschen zu stehen, die andere Sprache sprachen, andere Kulte hatten und die ursprünglich aus sehr verschiedenen Regionen des Mittelmeerraums kamen. Manche keltischen Orte lagen zum Beispiel nur wenige Kilometer von Massalia entfernt, teilweise auf den Hügeln über der griechischen Stadt. Wenn die Kelten, die dort wohnten, aus ihren Häusern traten, konnten sie die griechische Stadt am Meer buchstäblich vor Augen sehen, auch waren die größeren Siedlungen kaum ethnisch homogen. Migration und Mobilität sind wichtige Aspekte der Geschichte dieser Region. Wir wissen auch von Ehen, die zwischen Griechen und Kelten geschlossen wurden, Handel, und gegenseitiger Unterstützung im Kriegsfall.
Das Wort „Krieg“ zeigt aber schon: Wir dürfen uns diese Kontaktzonen auch nicht künstlich harmonisierend als zu friedlich vorstellen. Die Bandbreite an Kontakten reichte eben von Familienverbindungen, über friedlichen Handel zu offenen Konflikten. Dabei war es jedoch so, dass letztlich keine Gruppe den anderen dauerhaft überlegen war und daher immer wieder Arrangements gesucht werden mussten. Das änderte sich erst mit der römischen Expansion, weil die Römer in ökonomischer und militärischer Hinsicht ein ganz anderes Gewicht hatten.
Gibt es etwas aus der römischen Welt, dass wir heute wieder einführen sollten – und etwas, das wir auf keinen Fall übernehmen dürften?
So spannend ich es finde, sich heute damit zu beschäftigen – die vielen Kriege der Antike und auch die Idealisierung des Krieges zum Beispiel in der römischen Kaiserzeit sind sicher keine guten Vorbilder für eine Übernahme in die Gegenwart.
Gleichzeitig – und das erscheint auf den ersten Blick vielleicht paradox – war Rom stets recht offen für Einflüsse von außen und verfügte auch über eine Vorstellung von Bürgerrecht, die in Teilen recht modern anmutet. Rom konnte letztlich nur deswegen so erfolgreich sein, weil es ihm über Jahrhunderte gelang, immer wieder neue Gruppen zu integrieren. Ohne jede Idealisierung und ohne die Kriege zu vergessen, die diese Entwicklung begleitet haben, finde ich das ziemlich bedenkenswert… Und die Infrastruktur hat auch ziemlich gut funktioniert!
Zum Abschluss: Wenn Sie sich für einen Tag in eine Person der Antike versetzen könnten: Wer wären Sie – und warum?
Das ist einfach: Pytheas von Massalia. Wir wissen zwar fast gar nichts über seine Person, aber er war der erste Grieche, der – im 4. Jahrhundert vor Christus – bis nach Britannien reiste, die Britischen Inseln umsegelte, das Nordmeer erkundete, bis er auf Eisschollen stieß (als Grieche aus Südfrankreich!) und dann auf dem Rückweg auch die Küsten von Nord- und Ostsee erkundete. Er wusste nicht, was genau er finden würde, und die Eindrücke, die er sammelte, müssen für seine Mannschaft und ihn spektakulär gewesen sein. Da wäre ich allerdings gerne nicht nur für einen Tag, sondern für die gesamten zwei bis drei Jahre der Reise dabei gewesen…
Prof Dr. Simon Lentzsch absolvierte von 2004-2011 das Lehramts-Studium für Gymnasien und Gesamtschulen in den Fächern Geschichte und Deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Köln und schloss dieses 2011 erfolgreich mit dem ersten Staatsexamen ab. Anschließend folgte das Promotionsstudium im Fach Alte Geschichte von 2011-2016 ebenfalls an der Universität zu Köln. Parallel arbeitete Lentzsch erst als wissenschaftliche Hilfskraft und anschließend bis März 2019 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität. Bis er im April 2026 an der Universität Greifswald die Stelle als Juniorprofessor für Alte Geschichte am Historischen Institut annahm, arbeitete Prof. Dr. Simon Lentzsch unter anderem als Lehrbeauftragter im Bereich Alte Geschichte an der Université de Fribourg und an der Universität Bern.
Interview: Wiebke Pförter, 12.08.2026
Foto: Zan Vidmar Zorc/UG
