Studium & Lehre

Von der Fotografie zur Zeichnung zur Fotoästhetik:
„Selbstzweifel sind in der Kunst essenziell“

Giacomo Orth ist Künstlerischer Mitarbeiter im Lehrbereich für Neue Medien und angewandte Grafik im Bezugsfeld Bildender Kunst der Universität Greifswald,
© Foto: Giacomo Orth; Collage: Yasmin-Coralie Berg/UG

Orth, der seit 2021 als Künstlerischer Mitarbeiter im Lehrbereich für Neue Medien und angewandte Grafik im Bezugsfeld Bildender Kunst der Universität Greifswald tätig ist, wurde Anfang diesen Jahres mit dem Rostocker Kunstpreis in der Kategorie Künstlerische Grafik ausgezeichnet. Im Gespräch nimmt uns Giacomo Orth mit in die Vergangenheit und erzählt, wie er sein ausgezeichnetes Projekt geplant und umgesetzt hat, wie sich sein Interesse an Kunst entwickelt hat und nach welchen Prinzipien er arbeitet. Ein Porträt über Arbeitsprozesse, Zweifel und den Weg zu einer eigenen Handschrift.

Der Rostocker Kunstpreis wird seit 2006 von der Kulturstiftung Rostock e.V. initiiert und jedes Jahr in einer anderen Kategorie verliehen. Im vergangenen Jahr lief die zweimonatige offene Ausschreibung unter dem Thema „Künstlerische Grafik“. Auch Giacomo Orth bewarb sich, obwohl er ursprünglich zweifelte, ob seine Zeichnungen aus dem Hyperrealismus überhaupt zu dem geforderten Thema passen. „Zeichnung ist im Grunde trotzdem künstlerische Grafik“, kommt Orth jedoch heute wie damals zu dem Schluss. Und mit Erfolg: Giacomo Orth wird zusammen mit drei weiteren Kandidat*innen für den Rostocker Kunstpreis, einer der größten Kunstpreise des Landes, nominiert.

Nun beginnt eine intensive Planungsphase. Die ausgewählten Künstler*innen haben einen Monat Zeit, um die Ausstellung der eigenen Stücke zu planen, denn Teil des Wettbewerbs ist auch, sich um das Arrangement selbst zu kümmern. Welche Arbeiten sollen ausgestellt werden? Wie soll der Ausstellungsraum aussehen? Wie sollen die Zeichnungen gerahmt sein? Alles Fragen, die Giacomo Orth für sich selbst beantworten muss.

Mit Unterstützung der Kunsthalle Rostock werden anschließend alle Vorstellungen der Künstler*innen bestmöglich umgesetzt, um schließlich eine zweimonatige Ausstellung aller Werkstücke zu ermöglichen. Am 17. Januar 2026 wurde dann die Entscheidung der neunköpfigen Jury gefällt: Giacomo Orth gewinnt den Rostocker Kunstpreis.

Der ideelle Wert des Preises sei für Orth kaum messbar: „Als Künstler ist es extrem wichtig, solche Förderungen zu erhalten und dadurch auch sichtbar zu werden. Kunst muss am Ende sichtbar sein.“ Das ist auch Orths Ziel für die kommenden Jahre: Seine Werke sichtbar zu machen. Dazu muss er Werke produzieren und neue Arbeiten schaffen. „Wenn man neue Arbeiten hat, die man präsentieren kann, eröffnen sich auch neue Möglichkeiten. In der Kunst ist vieles nicht planbar und ich halte mich daher mit großen Ankündigungen eher zurück. Ich kommuniziere lieber in Ergebnissen.“

Die Begeisterung für die Kunst wurde bei Giacomo Orth schon früh geweckt. Als er fünf Jahre alt war, überredete seine Oma ihn, an einem Tag in der Woche eine Jugend-Kunstschule zu besuchen. „Das wird ein einmaliges Ding“ denkt er sich damals noch – doch es kommt anders. Stattdessen flammte sein Interesse für das Zeichnen dort erst richtig auf und er besuchte die Jugend-Kunstschule von da an regelmäßig. Als er 13 Jahre alt wurde, nahm er auf Empfehlung der Kunstschule an einem Mappenkurs teil, der dazu gedacht war, kunstinteressierte Jugendliche auf die Mappeneignungsprüfung für das Kunststudium vorzubereiten. Eigentlich war der Kurs für ein Jahr angelegt, aber Orth wiederholte ihn bis er 18 Jahre alt war immer und immer wieder, um sich stetig zu verbessern. Mithilfe des Mappenkurses erhielt er schließlich eine Frühförderung durch die beiden Künstler*innen Grit Sauerborn und Matthias Vorbeck. Grit Sauerborn lehrte ihm die Grundlagen der Malerei, Vorbeck brachte ihm schließlich das technische Zeichnen bei.

Spätestens dann wurde Orth klar: es soll ein Kunststudium sein. Schließlich entschied er sich für einen Zwei-Fach-Bachelor in Bildende Kunst und Kommunikationswissenschaften an der Universität Greifswald. Es folgte der Master in Bildender Kunst – zwei Jahre die Orth nutzte, um sich in verschiedenen Kunstrichtungen auszuprobieren und anzufangen verschiedene Grundtechniken zusammen zu denken und zu verbinden. „Diese Zeit war für mich besonders, da ich nicht nur zeichnete, fotografierte oder mich mit dem 3D-Scan auseinandersetzte, sondern nach Erkenntnis suchte, um am Ende wieder bei einem Gefühl anzukommen“, sagt er und lächelt. Ergebnis dieses Prozesses sind zahlreiche Werke, die sich der Kunstform Hyperrealismus zuordnen lassen.

Viele Menschen, die Giacomo Orths Zeichnungen zum ersten Mal anschauen, werden wohl denken: „Das ist aber eine schöne schwarz-weiß-Fotografie“. Erst nach genauerem Hinsehen wird klar: das ist gar keine Fotografie, das ist eine extrem präzise Zeichnung. Orth beschreibt seine Arbeiten selbst so: „Wenn man nahe herantritt, löst sich die Präzision in verschiedene Graustufen auf und die Zeichnung wirkt nicht mehr rational, es ist nicht mehr zuordenbar. Und diese Emergenz möchte ich zeigen. Es geht darum, dass ein System mehr ist als nur die Summe seiner Einzelteile. Und das kann man auch und vor allem in der Kunst sehen.“

„Die Dauer des Prozesses ist nicht gleichbedeutend mit der Wertigkeit der finalen Zeichnung, denn viel Zeitaufwand bedeutet nicht gleich eine hohe künstlerische Qualität.“

Für Orth als Künstler sind seine Zeichnungen ein Prozess: ein Prozess des Verstehens. Wenn ihn eine Fotografie fasziniert, wandert sie erst einmal für einige Zeit in ein Archiv. Dort kann sie auch mal über Jahre liegen, bis sie ihm wieder in die Hände fällt und er beschließt, dem Gefühl und der Faszination, die das Bild bei ihm auslöst, weiter nachzugehen. Das Paradoxe seiner Arbeit ist, dass es für Orth im Endeffekt nicht um die Abbildung selbst geht, sondern um die Emotionen, die sie bei ihm auslöst und gleichzeitig um den Wunsch herauszufinden, was ihn dabei unterbewusst bewegt.

Doch diese Betrachtungsweise ist nicht das einzig ungewöhnliche an seiner Arbeit. Nicht nur, dass es ihm weniger um das Abbildende geht als um den Impuls, den die Darstellung auslöst und dass es im ersten Moment wenig sinnvoll erscheint, eine Fotografie in eine Zeichnung zu übertragen, die am Ende wieder wie ein Foto anmutet. Für Orth geht es primär um den Prozess des Verstehens und um das, was das Zeichnen selbst neu in das vorherige Foto hinein interpretiert. Dieser Prozess zieht sich über Monate hinweg. Dabei widmet sich der Künstler auch immer nur einer Zeichnung, wobei es irrelevant ist, wie lange er sich mit dem Werk auseinandersetzt. „Die Dauer des Prozesses ist nicht gleichbedeutend mit der Wertigkeit der finalen Zeichnung, denn viel Zeitaufwand bedeutet nicht gleich eine hohe künstlerische Qualität. Natürlich kann es bei so langen Arbeitsprozessen auch mal dazu kommen, dass ich das Interesse an der Fotografie verliere und die angefangene Zeichnung dann das Atelier nie verlässt“, gesteht Orth. „Allerdings bin ich dadurch auch kritischer geworden, welche Fotografie es tatsächlich aus meinem Archiv heraus bis auf das Papier schafft.“

Während des Arbeitsprozesses ist sein innerer Kritiker ein stetiger Begleiter. „Selbstzweifel sind in der Kunst essenziell für meine Arbeit, um mich stets zu hinterfragen, aber auch um weiterzumachen. Und auch Scheitern ist Teil des Prozesses und im Nachhinein immer eine wichtige Lehrstunde für einen selbst“, reflektiert Orth. Umso überwältigender war die Auszeichnung mit dem Rostocker Kunstpreis für ihn. „Anerkennung ist für mich immer noch ein ungewohntes Gefühl und in Form einer so wichtigen Förderung sehr aufregend. Aber ich habe gelernt, Anerkennung annehmen zu können, auch wenn ein Teil von mir immer zweifelt, ob das Lob tatsächlich angebracht ist. Ein Diskurs zu meinen Werken ist dann möglich, wenn die Arbeit im Atelier fertig ist und sie nur noch gesehen werden muss. Erst durch den Austausch mit den Betrachtenden wird die Kunst zum Wagnis.“

Zur Person Giacomo Orth
  • Geb.: 1996 in Rostock
  • Wohnort: Bad Doberan
  • 2014-2018: Bachelorstudium in Kommunikationswissenschaften und Bildende Kunst am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald
  • 2018-2021: Masterstudium in Bildende Kunst am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald
  • Seit 2021: künstlerischer Mitarbeiter am Caspar-David-Friedrich-Institut, Lehrbereich für Neue Medien und Angewandte Grafik im Bezugsfeld Bildende Kuns

Text: Wiebke Pförter, 16.10.2026
Collage Titelbild: und Lexikon: Yasmin-Coralie Berg
Fotos: Giacomo Orth/UG

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