Nam Co – der drittgrößte See auf dem Tibetischen Plateau. Foto: Torsten Haberzettl
Dünne Luft, extreme Höhe und eine schwimmende Bohrplattform mitten auf einem See: Im Sommer 2024 arbeiteten über 50 Wissenschaftler*innen auf dem tibetischen Plateau unter Bedingungen, wie sie für Forschungsprojekte selten sind. In über 4.700 Metern Höhe gelang im sogenannten Nam Co die höchste je durchgeführte bekannte Tiefbohrung in einem See. Die dabei gewonnenen Sedimente liefern Einblicke in bis zu eine Millionen Jahre Erd- und Klimageschichte.
Das Tibetische Plateau, oft auch als „Dritter Pol” bezeichnet, spielt eine entscheidende Rolle im globalen Klima und versorgt mit seinen riesigen Eisreserven und Flusssystemen in Asien über zwei Milliarden Menschen mit Wasser. Um die Klima- und Umweltgeschichte dieser wichtigen Region zu entschlüsseln, führte ein internationales Team, dem sich Wissenschaftler*innen des Instituts für Geographie und Geologie der Universität Greifswald angeschlossen hatten, im Juni und Juli 2024 eine aufwendige Bohrkampagne am Nam Co durch.
Mit einer Größe vier Mal so groß wie der Bodensee und als drittgrößter See Tibets ist der Nam Co eines der bedeutendsten Klimaarchive Asiens. Dortige Klimatische Veränderungen haben weitreichende Folgen für den gesamten Kontinent. Der See liegt in einem abflusslosen Becken, das seit seiner Entstehung nie vollständig ausgetrocknet ist und damit eine entscheidende Voraussetzung für die Bildung kontinuierlicher Sedimentablagerungen über lange geologische Zeiträume hinweg darstellt. In Kombination mit seiner zentralen Lage an der Schnittstelle zwischen der Westwindzone und der asiatischen Monsunzirkulation macht dies den See zu einem idealen Standort für die Rekonstruktion der klimatischen und biologischen, aber auch tektonischen Entwicklung der Region, die im Rahmen des Forschungsprojekts international ausgewertet werden soll.
Die Bohrungen, die unter extremen Bedingungen in der sauerstoffarmen Höhenluft stattfanden, waren eine logistische Herausforderung. Nach dem Aufbau eines Forschungscamps auf der Nordseite des Sees wurde am Südufer eine speziell konstruierte Bohrplattform errichtet. Insgesamt wurden rund 1.415 Meter gebohrt. Das tiefste Bohrloch umfasste dabei 510,2 Meter. Das Team aus mehr als 50 Wissenschaftler*innen, Techniker*innen und logistischem Personal entnahm anschließend vor Ort Proben für detaillierte Analysen, die Aufschluss über die Klima- und Umweltgeschichte des „Dritten Pols“ über einen langen Zeitraum geben sollen. Darunter DNA-Analysen, mikrobiologische Untersuchungen sowie erste Altersbestimmungen. Rund 950,77 Meter Sedimente können nun für die Auswertungen herangezogen werden.







Greifswalder Expertise für Sedimentologie, Paläomagnetik und Paläoökologie
Die Universität Greifswald spielt eine zentrale Rolle im internationalen NamCore-Projekt und steuert mit zwei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und einem vom Schweizer Nationalfond (SNF) geförderten Projekten ihre Expertise bei. Unter der Leitung von Prof. Dr. Torsten Haberzettl, Hauptkoordinator des gesamten Bohrprojekts, und Prof. Dr. Claudia Wrozyna erforschen die Greifswalder Teams unterschiedliche, aber eng miteinander verknüpfte Aspekte der Sedimentabfolge. Ziel des Gesamtprojekts, welches durch das International Continental Scientific Drilling Program (ICDP) unterstützt wird, ist es, über eine Million Jahre Erdgeschichte anhand von Sedimentkernen zu rekonstruieren. Diese Kerne liefern einzigartige Einblicke in die langfristige Klimavariabilität, die Evolution hochgelegener Ökosysteme, mikrobielle Lebensgemeinschaften in extremer Höhe sowie in tektonische Veränderungen und in die Gletscherdynamik.
Die Untersuchungen der Sedimentkerne haben zwar erst begonnen, werden aber die internationale Forschungsgemeinschaft in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen. Die Erkenntnisse aus dem NamCore-Projekt können nicht nur unser Verständnis der Klimageschichte Asiens vertiefen, sondern auch dazu beitragen, Klimamodelle zu verbessern und die zukünftige Entwicklung dieser für Millionen von Menschen in existenziellen Regionen besser vorherzusagen.
Im Rahmen des Schweizer Nationalfonds-Projekts DIGESTED (Deep biosphere-geosphere interactions at the top of the world) analysiert die Arbeitsgruppe der Physischen Geographie um Prof. Haberzettl den sedimentären Kontext. Das von Dr. Marie-Luise Adolph bearbeitete Teilprojekt etabliert den lithostratigraphischen Kontext der Sedimentkerne durch sedimentologische, geophysikalische und geochemische Analysen. Dabei rekonstruieren die Forschenden vergangene Klima- und Umweltveränderungen und erarbeiten die chronologische Grundlage für klimatische Schwankungen. Diese Arbeiten bilden das Fundament für alle anderen Projektuntersuchungen.
Parallel dazu untersucht M.Sc. Santiago Otero im Rahmen des DFG-geförderten MagNam-Projekts (Paleomagnetic investigations to better understand the earth’s magnetic field and its interaction with biological communities on the Tibetan Plateau and to validate and refine the chronology of sediment sequences recovered in the ICDP project NamCore) die Auswirkungen von Schwankungen im Erdmagnetfeld auf biologische Gemeinschaften. Das Projekt nutzt ein neues, hochmodernes kryogenes Magnetometer in Greifswald, um paläomagnetische Daten als zusätzliche chronologische Marker zu nutzen und zu erforschen, wie Phasen verringerter Magnetfeldstärke das Klima beeinflusst haben könnten.
Prof. Dr. Wrozyna und Projektarbeiterin Dr. Marlene Höhle untersuchen im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt „Effects of Quaternary climate changes on morphological variability of aquatic invertebrates (ostracodes) within the ICDP project NamCore“ fossile Ostrakoden – winzige Krebstiere mit kalkigen Schalen –, um die langfristige Evolution aquatischer Lebensgemeinschaften zu rekonstruieren. Im Fokus steht, ob der Nam Co während der Eiszeiten als Rückzugsgebiet für aquatisches Leben diente oder ob Organismen wiederholt ausstarben und den See neu besiedelten. Die morphologische Variabilität der Ostrakoden liefert Hinweise auf Umwelteinflüsse und ihre genetische Differenzierung.
Das ICDP-finanzierte Projekt zur Bohrung in Tibet kostete über drei Millionen US-Dollar und wird durch Beiträge vom Institut für Tibet-Plateau-Forschung in Peking unterstützt. Zusätzliche Mittel stammen aus nationalen Förderungsgesellschaften wie der DFG, dem Schweizer Nationalfonds und der britischen Förderorganisation NERC.
Text: Yasmin-Coralie Berg, 26.01.2026
